Von Ulric Papendick
Montag, 25. Juli 2011 - die Würfel sind gefallen. Im Turm A der Deutschen Bank tagt der 20-köpfige Aufsichtsrat des Finanzriesen. Einziger Punkt auf der Agenda: Personalien, vor allem die Nachfolge von Josef Ackermann.
Einstimmig billigt das Gremium einen Vorschlag, den der Nominierungsausschuss mit Chefkontrolleur Clemens Börsig (63), Bosch-Manager Tilman Todenhöfer (67) und Bayer-Veteran Werner Wenning (64) 15 Tage zuvor erarbeitet hat. Künftig soll ein Triumvirat das Frankfurter Geldhaus leiten: Jürgen Fitschen (62) und Anshu Jain (48) als Co-Heads, darüber, so ist es vorgesehen, wacht der große Vorsitzende Ackermann.
Am Ende dieses denkwürdigen Tages lässt Börsig die Vorstände einzeln in den Sitzungssaal rufen, um ihnen die Personalbeschlüsse zu verkünden. Weil Retailchef Rainer Neske (56) zu spät kommt, rüffelt ihn Börsig vor versammelter Mannschaft - allerdings nicht ohne ihm ein Goody mit auf den Weg zu geben, Neskes Vorstandsvertrag wird um fünf Jahre bis Ende März 2017 verlängert.
Während des gesamten Meetings lässt Börsig sich nicht anmerken, dass er der große Verlierer im erbitterten Machtpoker der vergangenen Monate ist. Auch beim anschließenden Abendessen macht er gute Miene zum bösen Spiel und sitzt wie gewohnt seinem Intimfeind Ackermann direkt gegenüber. Business as usual.
Die Stimmung in der Runde, berichtet ein Teilnehmer später, sei gelöst gewesen. Die Kontrolleure waren vor allem dankbar, dass sich ihr Chef mit einem freiwilligen Rücktritt geopfert und damit das Chaos an der Spitze beendet hatte. Am Tag danach feierten die Räte das Personalgeschacher als gelungene Nachfolgeregelung. In der Bank seien alle zufrieden, sagten sie unisono. Dann verabschiedeten sie sich in den Urlaub.
Doch einige Topleute der Bank reagierten weniger enthusiastisch. Risikovorstand Hugo Bänziger (55), lange Zeit als möglicher Nachfolger Ackermanns gehandelt, konnte seinen Frust über das gelobte Personalpaket nur mühsam kaschieren. Und selbst der frisch beförderte Fitschen hatte bei einer Vorstandssitzung wenige Tage zuvor deutlich gemacht, dass er wenig von einem Wechsel Ackermanns an die Spitze des Aufsichtsrats hält.
Außerhalb der Bank war das Echo verheerend. Die "Süddeutsche Zeitung" erinnerte das bunte Treiben der Hauptdarsteller an Komödien des berühmten italienischen Dichters Carlo Goldoni. Die Londoner "Financial Times" verglich das bizarre Prozedere mit einem "südeuropäischen Regime in der Krise". Selbst die banknahe "Börsen-Zeitung" fragte besorgt, was das Wort Ackermanns denn noch wert sei - hatte der doch zuvor mehrmals beteuert, nicht in den Aufsichtsrat wechseln zu wollen. Die Antwort fand die "FAZ", die Ackermanns Volten kommentierte: "Wen interessiert das Geschwätz von gestern."
In der Wirtschaft sind viele Führungskräfte geradezu fassungslos über die Chuzpe, mit der das Revirement zustande kam. "Die Deutsche Bank", sagt der Aufsichtsratschef eines Dax-Konzerns, "ist ihrer Vorbildrolle nicht gerecht geworden. Das ist ein Rückschlag für die gesamte Debatte um gute Unternehmensführung hierzulande."
In der Tat: Die Art, in der die Kontrolleure der Deutschen Bank
den seit Jahren schwelenden Führungskonflikt gelöst haben, hat Zweifel ausgelöst, ob die um Börsig gescharte Truppe ihre Rolle überhaupt verstanden hat und ihrer im Aktiengesetz festgeschriebenen Wächterfunktion gewachsen ist.
Anders ist die Kakofonie beim Branchenprimus nicht zu erklären. Da sind sich Ackermann und seine Kollegen im Vorstand in der Nachfolgefrage uneins. Da wollen Teile der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat Ackermann unbedingt zum Chefkontrolleur küren, andere Mitarbeitervertreter wiederum sind dagegen. Selbst die Anteilseignerseite ist in dieser Frage lange gespalten. Und jede Gruppe fährt in der Öffentlichkeit ihre eigenen Bataillone auf. Da wird getrickst, finassiert, intrigiert. Verschwörungstheorien und Erpressungsszenarien machen die Runde. Die Deutsche Bank - ein Tollhaus.