Von Eva Buchhorn
Doch die Hoffnung auf den lebenslangen und stets erfüllenden Arbeitsplatz unter dem stabilen Dach eines Großunternehmens erfüllt sich ohnehin immer seltener. Wo Vorstände kaum noch eine volle Amtsperiode im Job bleiben und Mittelmanager von immer neuen Restrukturierungsrunden hinweggefegt werden, kann der Wechsel in ein Gründerunternehmen eine lohnenswerte Alternative darstellen.
Zumal die Start-up-Szene sich seit Dotcom-Crash und Finanzkrise in hohem Tempo professionalisiert hat. Banken, Berater und Finanziers, die potenziell wachstumsstarke Geschäftsideen unterstützen, wählten wohl nie strenger aus als heute. Fondsmanager wie Christian Leybold, der in Hamburg und San Francisco in Internetprojekte investiert, erhalten mehrere Hundert Anfragen im Monat. Nur "zwei bis drei" Firmen, sagt er, werden pro Partner und Jahr finanziert.
Den Geldgebern sitzen institutionelle Investoren im Nacken, die bei europäischen Investments angesichts fehlender Börsengänge und generell niedrigerer Firmenbewertungen als im Entrepreneurship-Mutterland USA äußerste Zurückhaltung walten lassen.
Banken, spezielle Gründerfonds oder Venture-Capital-Geber (VCs) setzen deshalb neben der Internetbranche vor allem auf technologieintensive Bereiche wie Hightech, Cleantech, Biotech, in denen echte Innovationen für relevante Märkte geschaffen werden. "Wir werden dafür bezahlt, Unternehmen und Unternehmer zu finden, die Intellectual Property aufbauen", sagt Wellington-Partner Christian Reitberger.
Wechselwillige Manager können in der Wachstumsphase einsteigen und Vorstandspositionen besetzen. Andere heuern als Senior Advisors bei den Investoren an und nehmen zum Beispiel Beiratsmandate wahr, berichtet Personalberaterin Ulrike Wieduwilt von Russell Reynolds. Sie vermittelt "regelmäßig" interessierte Manager an große Beteiligungsgesellschaften.
Doch die offenen Positionen gehen nicht in die Tausende. Ganz Mutige warten deshalb nicht erst, bis sie von Investoren angesprochen werden, sondern gründen selbst und gehen auf VCs zu.
Christian Lindner (38) hat das getan. Umgeben von bonbonbunten Plastikkarten sitzt er in einer schlichten Souterrainetage in Köln an einem wackligen Besprechungstisch. Doch seine Story klingt solide. Gerade heute Morgen, sagt Lindner munter, sei ein neuer Großkunde an Bord gekommen. Vor Freude habe er mit seinen Vorstandskollegen im Büro ein Tänzchen aufgeführt.
Retailo vertreibt Geschenkkarten, also vorab bezahlte Gutscheine aus Plastik, mit denen Beschenkte bei Douglas
, Otto, Thalia oder Ikea einkaufen können. Die Firma stellt Ständer an Tankstellen oder bei der Postbank
auf und ermöglicht so Markenartiklern, an beliebten Points of Sale Kunden zu finden. Auch Gutscheine auf dem Handy sind im Programm. Premiummarken wie die Deutsche Bank
oder Porsche nutzen Universalgutscheine von Retailo zur Kundenpflege.
Lindner trägt Hemden mit eingesticktem Monogramm. Er sagt Wörter wie "Accessibility", wenn er offene Türen meint. Auf den ersten Blick könnte man ihn für einen von den vielen Ambitionierten in den Goldfischteichen der Dax-Unternehmen halten. Und in der Tat verfolgte Lindner zunächst konventionelle Pläne: Er studierte Jura, bis er sich während eines Praktikums an einer Botschaft fast "zu Tode" langweilte.