Von Wolfgang Hirn
"Die Familien fangen vieles auf", sagt er etwas resigniert. So ziehen viele junge Spanier - selbst wenn sie bereits um die 30 sind - wieder zu ihren Eltern. "Ja, und dann haben wir die Schattenwirtschaft", fährt Doz fort. Sie ist inzwischen der größte Arbeitgeber Spaniens. Ein Fünftel des Sozialprodukts - so wird geschätzt - wird schwarz erwirtschaftet.
Das Gesamtbild ist düster: Eine hohe Arbeitslosigkeit, eine nur teilweise wettbewerbsfähige Wirtschaft und dazu noch die maroden Sparkassen - wie will das Land aus dieser Krise kommen?
Würde es noch die Peseta geben, wäre die lehrbuchmäßige Anpassung einfach: durch eine Abwertung der spanischen Währung. Dieses Instrument hat Spanien früher häufiger genutzt, um sich immer wieder kurzfristig Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Doch die Peseta gibt es nicht mehr. Spanien ist seit 1999 Mitglied der Euro-Zone. Währungs- und Zinspolitik wird seitdem woanders gemacht - zentral für alle Euro-Mitglieder in Frankfurt.
So bleiben Madrid nur langfristig wirkende Instrumente, um zu mehr Wettbewerbsfähigkeit und damit zu mehr Wachstum zu gelangen. Doch eine neue Wirtschaftsstruktur lässt sich nun mal nicht von heute auf morgen verordnen. Zwar will die Regierung aus dem Sonnenstaat Spanien ein europäisches Zentrum der grünen Technologien machen. Aber ein solches Vorhaben braucht Zeit und Geld - was die Regierung nicht hat.
"Ohne Änderung des Arbeitsmarktes kann die Wirtschaft nicht wachsen"
Ein verkrustetes System wie das spanische, das noch syndikalistische Elemente aus der Franco-Zeit beinhaltet, lässt sich nicht so leicht aufbrechen. Immerhin will die Regierung die Eintrittsbarrieren für diverse Berufe senken, die Gründung von Unternehmen erleichtern, den Prozess der Lohnverhandlungen flexibler gestalten und das Rentenalter schrittweise auf 67 Jahre heraufsetzen.
Immer wieder hört man in Wirtschaftskreisen den Standardsatz: "Das sind Schritte in die richtige Richtung." Das sagt auch Kammerpräsident Carsten Moser. Aber es seien halt wenige und kleine Schritte. Vor allem im Arbeitgeberlager drängt man auf weitergehende Reformen - insbesondere auf dem Arbeitsmarkt, der zweigeteilt ist: Einerseits ist eine Minderheit in befristeten Verträgen, die jederzeit und bei geringen Abfindungskosten kündbar sind. Andererseits besitzt die große Masse nahezu unkündbare Verträge. Beschäftigte zu entlassen ist extrem teuer, ja fast unmöglich - was wiederum zügige Neueinstellungen verhindert.
"Ohne eine radikale Änderung des Arbeitsmarktes kann die Wirtschaft nicht wachsen", sagt José Luis Feito, Präsident der Wirtschaftskommission des Arbeitgeberverbandes CEOE. Das heißt für ihn: billiger und schneller feuern können. Doch in dieser Frage sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer weit voneinander entfernt.
Die Tarifpartner schauen etwas neidisch auf Deutschland. Immer wieder hört man Lob über die Reformen der Großen Koalition und generell über die in Deutschland so erfolgreich praktizierte Sozialpartnerschaft.
"Wir brauchen ein nationales Abkommen", fordert denn auch Ökonom Pedro Videla, "so wie in Deutschland oder früher bei uns." Damals, 1977, war Spanien auch in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise. In der Not rauften sich Parteien und Sozialpartner zusammen; sie schlossen den Moncloa-Pakt, der das Land aus der Krise und schließlich 1986 auch in die EU führte.
Doch heute, da die Not vielleicht noch größer ist als damals, ist keine Annäherung der Kontrahenten in Wirtschaft und Politik in Sicht. Regierungschef Zapatero und Oppositionsführer Mariano Rajoy zelebrieren ihre gegenseitige tiefe Abneigung, die in den kommenden Monaten - Spanien steht bereits in einem permanenten Vorwahlkampf für die Wahlen 2012 - eher noch zunehmen wird.
Vielleicht muss Spanien - so sagen manche defätistischen Stimmen - noch tiefer fallen, bevor sich die Gegner endlich zu einem gemeinsamen Sanierungsprogramm durchringen könnten.
Die Apokalyptiker könnten durchaus recht bekommen. Spanien stehen angesichts der großen strukturellen Probleme harte Jahre bevor. IESE-Professor Videla antwortet auf die Frage, ob und wann Spanien wieder das Niveau von Mitte der 2000er Jahre erreichen werde: "Vielleicht in 150 Jahren - oder auch nie mehr."