Von Klaus Werle
Manche Disziplinen sind so spezialisiert, dass die interessierten Firmen jeden Studenten persönlich kennen und vom ersten Semester an ins Visier nehmen. "Petroleum Engineering" ist so ein Fach, es wird im deutschsprachigen Raum überhaupt nur an drei Hochschulen angeboten, und Thomas Flemming (33) ist einer der glücklichen Absolventen. Der gebürtige Österreicher hat sich auch der Jobchancen wegen für den Technikberuf entschieden, nach seinem Abschluss 2006 ging er zur RWE/Dea. "Ich wollte zu einem Unternehmen, das noch eigene Bohranlagen betreibt."
Als Planungsingenieur ist Flemming verantwortlich für die komplette Konzeption von Bohrungen auf Deutschlands einziger Ölbohrinsel, der "Mittelplate" in der Nordsee. Viel kann er vom Hamburger Büro aus erledigen, aber für einige Tage im Monat bringt ihn das Shuttle-Schiff von Cuxhaven aus auf die Insel. In Sichtweite von Friedrichskoog auf einer Sandbank am Rand des sensiblen Wattenmeers und über einem eher kleinen Ölfeld gelegen, wurde "Mittelplate" lange als Randaktivität belächelt.
Das ist vorbei, denn nirgends mehr sprudelt das Öl noch so wie früher, und Naturschutz ist jetzt sogar in Turkmenistan angesagt. "Gerade die strengen Umweltauflagen und der technische Aufwand, der nötig ist, um wirtschaftlich fördern zu können, machen die Insel zum Zukunftsmodell", sagt Flemming.
Dafür braucht man dringend Ingenieure. Vorbereitung der Bohrung, Wahl von Spülung und Meißel, Budgetplanung - alles Flemmings Aufgaben. "Meine Bohrungen betreue ich auch operativ", sagt der drahtige Jungingenieur und klettert behände die zahllosen Stufen hoch zum Turm, wo Gestänge um Gestänge eingeführt wird, bis in 3000 Meter Tiefe. Über dem Meer kreisen die Möwen, manchmal schwimmen Seehunde neugierig in den kleinen Inselhafen, über dem an Weihnachten ein Tannenbaum aufgestellt wird, während drinnen auf zahllosen Monitoren die Parameter zu Bohrgeschwindigkeit, Druck und Drehmoment in Echtzeit flimmern.
"A 7b" heißt die Bohrung, die Flemming gerade vorbereitet. "A 7a" ist die Hauptbohrung, von der wie ein Ast eine zweite Bohrung abzweigt. "Das spart Zeit und Geld, weil man nicht jedes Mal neu ansetzen muss", erklärt Flemming. Diese "Multilateral-Bohrungen" sind in Deutschland neu. Hier auf "Mittelplate" wurde die Technologie 2010 erstmals eingesetzt, und bei RWE/Dea ist man stolz auf die neue Waffe im Kampf um mehr Effizienz.
Flemming, der für den Job im hohen Norden sein Mountainbiking aufgab und stattdessen Segeln lernte, freut sich, dass er buchstäblich an der Speerspitze der Innovation arbeiten kann. "Ich wollte keinen reinen Bürojob, sondern vor Ort sehen, wie das, was ich am Schreibtisch errechnet habe, funktioniert." Die harte Praxisschule hat Methode; viele obere Führungskräfte bei RWE/Dea bis hinauf zum CEO haben einst als Bohringenieur begonnen.
Gerade in technikgetriebenen Branchen genießen Ingenieure auf den Führungsetagen großen Respekt. Das hat natürlich mit Fachwissen zu tun - aber auch mit dem Mythos einer deutschen Institution, die vergangenes Jahr ihren 111. Geburtstag feierte: dem Diplomingenieur.
In der Gründerzeit legten Männer wie Carl von Linde, Robert Bosch oder Konrad Zuse den Grundstein dafür; seither ist der "Dipl. Ing." eine Markenmacht wie Mercedes oder "made in Germany". "Was heut sich regt mit hunderttausend Rädern, in Lüften schwebt, in Grüften gräbt und stampft und dampft und glüht - das alles schafft und noch viel mehr der Ingenieur", heißt es schon im "Ingenieurslied" von 1871.
Selbst Luxusartikel wie das "Ingenieur"-Modell der Schweizer Edeluhrenschmiede IWC setzen bis heute auf die Faszination höchsten technischen Anspruchs: Dass der Tausende Euro teure Zeitmesser gegen Magnetfelder beinahe perfekt abgeschirmt ist, dürften die wenigsten Kunden im Alltag benötigen. Doch es zählt das Statement: der Nimbus des technisch Mach- und Wünschbaren, das Flair riesiger frei schwingender Brücken, raketenschneller Autos und anderer Wunder, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat - bis sie ein Ingenieur ersann. Entsprechend ausgeprägt ist das Selbstbewusstsein der Technikerkaste.