Von Eva Müller
Taro, Süßkartoffeln, Rettiche, Karotten - auf den Feldern von Hideaki Shinpuku wachsen nicht nur delikate Wurzeln in ordentlichen Reihen. In regelmäßigen Abständen hat der Bauer aus Miyakonojo dazwischen auch kleine Kästchen in die Erde der japanischen Südinsel Kyushu gepflanzt.
Aus den Gehäusen heraus beobachten Minikameras das Wachstum der Pflanzen, Sensoren messen Feuchtigkeit, Nährstoffgehalt und Temperatur. Die Angaben über den Zustand von Boden und Bewuchs übermitteln Sender an das Hunderte Kilometer entfernte Rechenzentrum von Fujitsu
. Aus den zahlreichen Daten ermittelt dann ein von dem Computerkonzern entwickeltes Agrarprogramm, um welche der Parzellen auf seinen weitverstreuten 90 Hektar Grund sich der Gemüsegärtner zu welchem Zeitpunkt kümmern muss.
Seit Shinpuku, von einem GPS-Sender geleitet, immer exakt die richtigen Flächen optimal dosiert bewässert und düngt, fällt seine Ernte üppiger aus. "Ich spare pro Jahr 50 Millionen Yen Kosten für Diesel und Dünger", sagt der Landwirt. Immerhin entspricht die Summe rund 5 Prozent seines Jahresumsatzes.
Der Acker erklärt seinem Bauern, wie viel Wasser er braucht, wo ihn Unkraut stört und welche Feldfrüchte gerade optimal reif sind. Das Szenario klingt verdächtig nach Science-Fiction. Doch die Zukunft hat längst begonnen.
Ob Landwirtschaft, Gesundheitswesen oder Verkehr, Energieversorgung oder Handel - modernste Informations- und Telekommunikationstechnologie (ITK) führt bereits in vielen Bereichen analoge Prozesse mit der digitalen Datenverarbeitung zusammen. Die physisch greifbare Realität wird zunehmend mit dem unsichtbaren Datenraum verbunden.
Reale Welt und Cyberspace wachsen zusammen
Die ersten Anwendungen sind bereits in Betrieb. Im Universitätskrankenhaus im schwedischen Lund etwa funken Messgeräte permanent die Vitaldaten der Patienten auf den Tablet-PC des behandelnden Arztes und schlagen bei Abweichungen vom Soll Alarm. In Mannheim soll noch 2011 ein intelligentes Stromnetz mithilfe eines virtuellen Energiebutlers Kühlschränke und Waschmaschinen in 1500 Haushalten automatisch zu den günstigsten Preisen versorgen.
Es sind erste Facetten einer intelligenten Umwelt, in der Autos mit Ampeln, Kühllaster mit Supermärkten und Fotovoltaik-Dächer mit Elektrizitätswerken kommunizieren. Cyber-Physical Systems (CPS) nennen die Wissenschaftler solche Netzwerke, in denen reale Welt und Cyberspace zusammenwachsen.
Ein sperriger Begriff, doch dahinter steckt nicht weniger als die nächste industrielle Revolution. Mit weitreichenden Folgen: "Die Vernetzung der Dinge eröffnet große Chancen für Wirtschaft und Privatleute", konstatiert Professor Friedemann Mattern, der an der ETH in Zürich das Institut für Pervasive (sprich: allgegenwärtiges) Computing leitet. "Aber sie stellt gleichzeitig eine gewaltige technische und gesellschaftliche Herausforderung dar."
Die Liste der ungelösten Probleme reicht von Ängsten vor einer absoluten Herrschaft der Maschinen über den endgültigen Verlust der Privatsphäre bis hin zur Bedrohung durch Cyberkriminalität.
Wie bei jeder neuen Technologie sind die Risiken und Nebenwirkungen beachtlich. Doch die nächste Welle der Industrialisierung rollt unaufhaltsam heran. "Wir stehen heute am Beginn des nächsten Kondratjew-Zyklus", prophezeit Rüdiger Spies vom Marktforschungsunternehmen IDC. Aus der Verknüpfung von analoger und digitaler Welt werde eine lang anhaltende Wachstumsphase entstehen - womöglich ebenso folgenreich wie einst die Entdeckung der Elektrizität oder die Erfindung des Verbrennungsmotors.