Von Simon Hage
Das Geheimprojekt "Cobalt" entsteht fernab der Hightech-Metropolen. Südostkanada, im Dezember 2009: Mike Lazaridis (49) lenkt seinen Aston Martin durch die Straßen Waterloos, vorbei an Einfamilienhäusern, Tankstellen und Starbucks-Filialen. Er hält vor einer Gruppe sandfarbener, flacher Kastenbauten mit der Aufschrift "RIM". Das Kürzel steht für Research in Motion, einen der erfolgreichsten Smartphone-Hersteller der Welt - gegründet und geführt von Mike Lazaridis.
Im Gebäude "RIM 4", dritter Stock, wartet Produktvorstand Thorsten Heins (53) mit zwei Pappbechern dampfenden Kaffees und einem brandheißen Vorschlag. Auf Geschäftsreisen, klagt Heins, müsse er immer seinen schweren Laptop mitschleppen. "Warum", so fragt der Topmanager, "bauen wir nicht einfach einen flachen Bildschirm, der leicht ist und in jede Tasche passt?" Der RIM-Gründer reagiert sofort. Innerhalb weniger Monate lässt Lazaridis aus dem Reißbrettentwurf "Cobalt" ein Produkt entwickeln: den flunderflachen Multimedia-Computer "Playbook".
Im vergangenen Jahrzehnt hat Lazaridis die mobile Welt schon einmal revolutioniert: Ein rundliches Smartphone namens Blackberry, zu Deutsch: Brombeere, verführte Staatschefs und Spitzenmanager wie eine süße Droge. Der Clou: Per Daumendruck lassen sich E-Mails abrufen und beantworten. Rund um den Globus, rund um die Uhr.
Der Hype erfasste Siemens-Chef Peter Löscher genauso wie US-Präsident Barack Obama, Lady Gaga und die Masse der Mobilitätsjunkies. Rund 55 Millionen Menschen nutzen heute das Blackberry samt Mail-Service, täglich kommen im Schnitt mehr als 50.000 hinzu. Die Folge: Seit der Markteinführung 1999 stieg der RIM-Umsatz explosionsartig - um mehr als 20.000 Prozent auf geschätzte 20 Milliarden Dollar im Jahr 2010.
Doch der nächste Sprung nach vorn dürfte Lazaridis schwerer fallen. Ein US-Konkurrent, der ebenfalls eine Obstsorte im Markennamen trägt, droht den Kanadiern den Rang abzulaufen: Apple
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Touchscreen statt Tastatur: Apple hat Regeln neu definiert
Der Siegeszug der Konkurrenten aus Kalifornien, der 2007 mit dem iPhone begann, hat RIM empfindlich getroffen. Apple definierte die Regeln des Smartphone-Geschäfts neu: Mit einem Mal waren Touchscreens beliebter als Tastaturen. Mobile Software-Applikationen, sogenannte Apps, begeistern nun Teenager wie Topmanager. Nie zuvor war Web-Surfen von unterwegs derart komfortabel. Neben dem iPhone hat sich inzwischen auch der Tablet-Computer iPad millionenfach verkauft. Entwicklungen, die RIM erst spät erkannte - und im Eiltempo nachholen muss.
"Sollte RIM es nicht schaffen, Konsumentenbedürfnisse adäquat zu befriedigen", warnt Mobilfunkexperte Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Co., "werden auch Geschäftskunden systematisch zum iPhone wechseln."
Schon heute gibt RIM Marktanteile an Wettbewerber wie Apple
oder Google
ab. Die Börse handelt den einst legendären Blackberry-Bauer bereits als Übernahmekandidaten: Seit ihrem Hoch im Jahr 2008 hat die Aktie rund 60 Prozent verloren, der Börsenwert des Unternehmens sank auf 32 Milliarden Dollar.
Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich der Wert von Apple
nahezu: Mit mehr als 300 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung gehört Apple zu den wertvollsten Unternehmen weltweit. Beim Umsatz (65 Milliarden Dollar) übertrifft Apple den kanadischen Wettbewerber um mehr als das Dreifache, beim Nettogewinn (14 Milliarden Dollar) gar um das Vierfache. Selbst die erneute krankheitsbedingte Auszeit von Apple-Chef Steve Jobs, die Anleger wie Analysten stark beunruhigt, konnte Apples Siegeszug an der Börse bisher kaum bremsen.
Hat RIM noch eine Chance gegen den übermächtigen Rivalen?