Von Henrik Müller
Doch bislang ist von einem investitionsgetriebenen Aufschwung nichts zu sehen. Warum? Mitch Daniels ist sicher, dass es vor allem an der wirtschaftsfeindlichen Rhetorik und der Regulierungswut der Obama-Administration liege. "Viele in den Unternehmen haben den Eindruck, dass ihre Regierung sie hasst. Sie fühlen sich förmlich belagert."
Das Urteil ist zwar nur bedingt haltbar. Doch unbestreitbar verlieren die USA an Attraktivität. Im Global Competitiveness Report, einem weltweiten Standortvergleich des World Economic Forums, sacken sie immer weiter ab. Zwar belegen sie insgesamt noch Platz 4. Aber in jenen Teilwertungen, die von der nationalen Wirtschaftspolitik beeinflusst werden, ist Amerika nicht einmal mehr drittklassig: Das makroökonomische Umfeld erreicht nur Rang 87, das Gesundheits- und das Schulsystem Rang 42, die Qualität der staatlichen Institutionen Rang 40. Deutliche Hinweise, dass die Politik zum Investitionshindernis geworden ist.
Dabei geht es vielen US-Unternehmen gut. In der Krise haben sie sich radikal umstrukturiert. Jetzt sitzen sie auf dicken Cash-Polstern - und warten ab.
"Im Prinzip bin ich optimistisch", sagt Frank Jähnert. "Selbst ohne Umsatzwachstum werden die Gewinne und die Liquiditätsreserven stark ansteigen. Dann werden die Unternehmen auch wieder bereit sein, zu investieren und Risiken einzugehen."
Jähnert (53) ist CEO der Brady Corp. in Milwaukee. Seit 1995 arbeitet der Schwabe für das Unternehmen in der alten Industriestadt am Westufer des Lake Michigan. Unter seiner Führung ist die börsennotierte Firma - ein Spezialist für hochwertige Drucksysteme, selbstklebende Etiketten, Schilder und Spezialfolien, die in elektronischen Geräten wie Handys verwandt werden - enorm gewachsen.
Rund 30 kleinere Firmen hat er seit 2003 übernommen. Umsatz auf 1,5 Milliarden Dollar verdreifacht. Gewinn versechsfacht. Global aufgestellt. Nicht einmal die Hälfte des Geschäfts macht Brady noch in den USA. Dann kam die Krise, Jähnert baute 25 Prozent des Personals ab, trieb die Produktivität in die Höhe, stockte zugleich das Entwicklungsbudget auf - ein typischer Verlauf, ähnlich wie in Tausenden anderen US-Unternehmen. Derzeit hat er 300 Millionen in der Kasse.
Und nun? Allmählich sei es Zeit, wieder an Expansion zu denken, sagt Jähnert. Allerdings nicht in den USA: "Wir setzen auf die asiatischen Märkte." Doch die wolle man natürlich nicht durch Exporte bedienen, sondern durch eine Ausweitung der Produktion in Asien selbst. Die Brady-Beschäftigten in den USA profitierten davon "nur indirekt".
So sehen es viele Manager: Angesichts der weltwirtschaftlichen Unsicherheiten gehen sie lieber so nah wie möglich an die wachsenden Absatzmärkte. Eine reine Exportstrategie erscheint ihnen zu risikoreich: Protektionismus, wild schwankende Wechselkurse, geopolitische Verwerfungen - viele Gefahren lauern da draußen. Wer vor Ort produziert, immunisiert sich dagegen. Was aus Sicht des einzelnen Unternehmens folgerichtig ist, bedeutet für Amerika als Ganzes nichts Gutes. Wenn der dynamische Weltmarkt nur die größeren Unternehmen, nicht aber den Rest des Landes mitzieht, dann wird es umso schwieriger, aus den Schulden herauszuwachsen.
Niemand solle sich Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Strukturkrise machen, warnt denn auch der Starökonom Richard Florida. Das Land stehe am Beginn eines "Reset", eines langwierigen, schmerzhaften Neustarts, der leicht 20 bis 30 Jahre dauern könne. Übrigens werde die Politik daran wenig ändern, behauptet Florida. Egal, wer in Washington Präsident sei: "Amerika muss die Krise organisch überwinden, aus seiner eigenen Kreativität heraus." Henrik Müller