Von Simon Hage und Henrik Müller
Noch trägt sie, die Welle. Überraschend hoch hat sie sich aufgebaut. Nun heißt es mitschwimmen, aufsteigen, aufstehen. Und wenn die Welle bricht, was sie unweigerlich irgendwann tun wird, dann muss man gerade noch rechtzeitig umsteuern, um ihrer Zerstörungskraft auszuweichen. Wer die Welle verpasst, kommt nicht voran. Wer sie reitet, riskiert alles. "Das Überleben da draußen ist immer eine Frage der Balance", schreibt der dichtende US-Surfer Drew Kampion.
Überleben? Robert J. Koehler (61) hat schon so manche Welle geritten, es gab kritische Situationen, sicher, aber am Ende hat er es immer noch geschafft, das Unternehmen in ruhigeres Wasser zu lenken. "Wissen Sie", sagt Koehler und beugt sich dabei leicht über den Tisch, um seine Worte mit Eindringlichkeit aufzuladen, "wir haben in 15 Jahren mehr Ups und Downs erlebt als manches Unternehmen in 100."
Seit fast zwei Jahrzehnten steuert Koehler den SGL-Konzern. Wenn er die Jahre Revue passieren lässt, stellen sie sich als Abfolge von wogender Euphorie und abrupten Brechern dar: Asien-Boom und die folgende Krise, New-Economy-Boom und der folgende Bust, 11. September und Kreditbubble, dazu sein jahrelanger Ärger mit dem EU-Wettbewerbskommissar. Aufregende Zeiten voll existenzbedrohender Situationen.
Die vergangenen zwei Jahre jedoch hätten Verwerfungen mit sich gebracht, die alles Vorherige in den Schatten gestellt hätten, sagt Koehler: erst eine global synchronisierte Liquiditätskrise in "nie da gewesener Brutalität" und jetzt, ebenso überraschend, die ganz schnelle Erholung der Auftragseingänge auf Vorkrisenniveau, von der derzeit große Teile der deutschen Industrie profitierten. "Keiner von uns hat das erwartet. Keiner!"
Die Abwesenheit von Stabilität - das ist die neue Normalität.
Die akute Krise mag fürs Erste vorbei sein, aber fundamentale Unsicherheiten bleiben. Zu fragil sind die hoch verschuldeten westlichen Staaten, von Griechenland bis zu den USA. Zu groß ist die Gefahr, dass der China-Boom abrupt endet. Zu bedrohlich ist die Lage im Nahen Osten. Der nächste Krieg, der nächste Crash, die nächste Ölkrise - man muss das Schlimmste befürchten. Und das Beste daraus machen.
"Nur die Paranoiden überleben", hat Andy Grove, der langjährige Intel-Chef, einst als Maxime nachhaltiger Unternehmensführung postuliert. Was in der technologisch schnelldrehenden Prozessorbranche schon immer stimmte, gilt nun für die gesamte Wirtschaft: Unternehmen sollen mit hohem Tempo vor der Welle fahren - und sich gleichzeitig vor existenzbedrohenden Gefahren in Acht nehmen.
Robert Koehler zieht aus den wackligen Aussichten vor allem zwei Schlüsse: Erstens will er "möglichst unabhängig von den Banken sein". Deshalb hat er einige "Ankerinvestoren" für SGL
gewonnen, darunter die Quandt-Erbin Susanne Klatten. Deshalb hält er große Cash-Reserven vor. Deshalb finanziert er Investitionen möglichst aus dem Cashflow. Zweitens treibt Koehler eine vorsichtige
Expansion in die Breite voran: geografisch in Asien, technologisch bei den Karbonfasern, die das angestammte Geschäft mit Grafitelektroden für die Stahlindustrie ergänzen sollen.
Ähnlich denken derzeit viele Konzernstrategen. Es ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel, der sich da als Folge des radikal veränderten Umfelds vollzieht: Wo noch vor wenigen Jahren lange Kredithebel angesetzt wurden, strebt man nun konservative Finanzstrukturen an. Wo größtmögliche Effizienz gepredigt wurde, gilt jetzt hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Schocks als wichtigstes Ziel. Wo einst die Verengung auf wenige Kernkompetenzen als Ideal galt, streben viele Konzerne nun nach einer breiteren Geschäftsbasis.
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