Von Gisela Maria Freisinger und Helene Endres
Die Allianz, dem Klischee nach ein hartgesottener Männerklub, hat die Vorgabe Diversity bonusrelevant auf die Vorstandsagenda gehoben. Stolz verweist sie auf die Einführung ihres weltweiten Talentmanagement-Systems: Jeder fähige Aspirant, ob Frau oder Mann, werde gesichtet und objektiv bewertet.
Bei einer der letzten Vorstandsbesetzungen war auch eine Frau im Rennen - gewonnen hat ein Mann. Das Muster ist gängig: Männer bevorzugen Männer - oft auch unbewusst und im guten Glauben, dem Besseren den Vortritt gewährt zu haben. Qualifikation beurteilen sie durch die männliche Brille. Ihr Führungsstil ist "transaktional", wie Soziologen das nennen: zack, sagen, was Sache ist, aufs Alphatier ausgerichtet.
Anders bei Frauen. "Es ist eine Kunst, mit Frauen zu diskutieren. Man muss sich rechtfertigen und seinen eigenen Standpunkt hinterfragen", sagt Unternehmer Manfred Wittenstein (67), Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Weibliche Führung gilt als "transformativ", sie will überzeugen, sieht den ganzen Menschen.
Berlin, Kurfürstendamm. Monika Schulz-Strelow finden wir zwischen Umzugskartons. Die Präsidentin der Fidar (Frauen in die Aufsichtsräte) packt aus an der neuen, noblen Adresse.
Fidar ist zwar noch eine junge, parteiunabhängige Initiative, die ursprünglich auf einen Aufruf der Grünen zurückgeht, die einen 40-prozentigen Frauenanteil an den Führungspositionen verlangen. Und doch ist Schulz-Strelow in der deutschen Wirtschafts- und Politcommunity bestens bekannt und verknüpft. Für die einen sind ihre Forderungen der reine Horror, für die anderen ein Segen. Mindestens 25 Prozent Frauen will Fidar in den deutschen Aufsichtsräten sehen. Kein übermäßig ambitioniertes Ziel: "Ich möchte keine Visionen verkaufen, sondern Ergebnisse haben", sagt Schulz-Strelow.
140 Mitglieder hat Fidar, acht Männer sind auch dabei, wie der Aufsichtsratsvorsitzende von Beiersdorf, Reinhard Pöllath. "Besser, wir verdrängen gemeinsam mit den fähigen die unfähigen Männer", gibt sich Schulz-Strelow pragmatisch. Nicht nur seitdem der Deutsche Juristinnenbund gemeinsam mit Fidar Anwältinnen in die Hauptversammlungen schickt, die nachfragen: "Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl der Aufsichtsräte, spielt auch das Geschlecht eine Rolle?", ist der Ruf nach der Quote salonfähig geworden.
Wenn in zwei bis drei Jahren nicht "eine angemessene Berücksichtigung von Frauen" in den Aufsichtsräten und Vorständen erreicht ist, wie es die Corporate-Governance-Kommission Ende Mai festschrieb, dann soll per Gesetz dafür gesorgt werden. Im Bundesministerium der Justiz liegt schon ein Entwurf. Obwohl die Wirtschaft den Anschein erweckt, niemand sei dringender gesucht als Führungsfrauen, bekommt der Kommissionsvorsitzende Klaus-Peter Müller stapelweise böse Briefe von den Herren aus den Topetagen. Der Vorstoß, dass künftig eine Zielvorgabe für die Zusammensetzung des Aufsichtsrates benannt werden soll, scheint vielen nicht zu behagen. Die Angst vor Machtverlust geht um.
Andere Länder leben gut mit der Quote. Als Pionier gilt Norwegen. 40 Prozent weibliche Aufsichtsräte forderte eine konservative Regierung in Oslo 2003 per Gesetz. Der Widerstand aus der Wirtschaft war aber so gewaltig, dass man sich darauf einigte, das Gesetz trete nicht in Kraft, sollte es den Unternehmen gelingen, die Forderung freiwillig zu erfüllen. Stichtag: 1. Juli 2005.
Als zu diesem Zeitpunkt nur 15,5 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten vertreten waren, hatte es ein Ende mit dem Vertrauen in die Freiwilligkeit. Am 1. Januar 2006 kam die Quote. Bei Nichteinhaltung drohte für den schlimmsten Fall die Liquidierung. Wieder hingen über Oslo die lauten Drohungen einiger Unternehmen, das Land zu verlassen.
Nichts von alledem geschah. Heute sind gut 40 Prozent der norwegischen Aufsichtsräte Frauen (zum Vergleich: 2003, vor dem Gesetz, waren es 7 Prozent), und Sanktionen brauchte es nicht.
"Deutschland hat noch einen langen Weg vor sich: Ihr müsst Vorurteile bekämpfen, Ideologien, Rollenklischees", analysiert Arni Hole, Generaldirektorin des norwegischen Gleichstellungsministeriums. Es gehe schließlich nicht nur um eine Quote für Aufsichtsräte, sondern um ein Gesellschaftsmodell.
Immer mehr europäische Länder arbeiten an oder mit Gesetzen, die eine Frauenquote vorschreiben (siehe Grafik links).
"Übergangsweise halte ich das für ein notwendiges und sinnvolles Instrument", sagt auch Airbus-Chef Tom Enders. Der ehemalige Fallschirmjäger der Bundeswehr, der sich in seiner Führungsrolle als "General mit Schlamm an den Stiefeln" sieht, hat mit der Spanierin Pilar Albiac Murillo (50) die erste Frau in den Reigen der Top 20 aufgenommen. "Dass Pilar eine starke Frau ist, war nur ein Nebenargument. Trotzdem bin ich froh, mit ihrer Berufung ein Signal an die Frauen bei Airbus zu senden: Ihr könnt es bei uns bis ganz nach oben schaffen."
Elizabeth Corley (53), CEO der Allianz Global Investors Europe, hat es weit genug gebracht, um mit britischer Gelassenheit behaupten zu können: "Mann oder Frau - was macht das für einen Unterschied? Wir haben alle unseren eigenen Stil. Ich kann nicht sagen, ob meiner typisch weiblich ist. Mann ist auch nicht gleich Mann. Ich habe in meiner Karriere nicht einen Gedanken daran verschwendet, dass ich eine Frau bin. Ich hatte immer nur mein Ziel im Blick."
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