Von Gisela Maria Freisinger und Helene Endres
Was für eine Aussicht! Vom 19. Stock eines Berliner Wolkenkratzers auf einen dieser neu konstruierten Plätze. "Ein kalter Ort", moniert die Gastgeberin, "man spürt förmlich, dass hier nichts natürlich gewachsen ist."
Auch in der deutschen Wirtschaft wächst nicht alles natürlich. Deshalb sind wir hier, bei Dr. Emma Dorn (Name von der Redaktion geändert). Eine Mittvierzigerin, standesgemäß gestylt, der silbergraue Anzug passend zum silbergrauen Haar, die Perlenkette doppelreihig. Für eine bekannte Personalberatung makelt sie Spitzenkräfte, und das sind noch immer hauptsächlich Männer.
Frauen mögen inzwischen Bundeskanzlerin, Professorin oder Staatsanwältin werden, aber unter den Topführungskräften deutscher Konzerne findet sich kaum eine. Von den 441 Vorstandsmitgliedern der 100 umsatzstärksten Unternehmen im Land waren 2009 gerade einmal vier weiblichen Geschlechts, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelt.
Ein Umstand, der vielen Firmen inzwischen peinlich ist. Der Managerinnenmangel gilt als Makel; gemischte Teams erwirtschaften erwiesenermaßen mehr Gewinn. Gemischt heißt: In einer Gruppe von zehn müssen mindestens drei Frauen sein. Eine allein kann gar nichts ausrichten.
Auch der demografische Wandel, als Problem in der Theorie längst bekannt, ist jetzt in der Praxis angekommen: Nachwuchskräfte sind ein rares Gut, und Vorstandsvorsitzende greifen schon mal selbst zum Telefonhörer, um ein junges Talent zu ködern. High Times also für High Potentials. Und - sie dürfen gern weiblich sein.
Auch in die Vorstände ziehen die Frauen ein. Bei Siemens lenkt seit November 2008 Barbara Kux mit. Ab Juli kommt Brigitte Ederer dazu. Bei SAP wird Angelika Dammann im Oktober antreten. Bei Eon ist jetzt Regine Stachelhaus dabei. Bei BASF warten Insider darauf, dass Margret Suckale befördert wird; und bei der Telekom muss Anastassia Lauterbach, wenn auch aus der zweiten Reihe, für Innovation sorgen.
Überhaupt die Telekom. Sie hat das Unfassbare verordnet: eine Frauenquote. Steht jetzt der große Dammbruch bevor? Werden die Chefetagen in den kommenden Jahren von Karrierefrauen geflutet?
"Seit der Telekom-Quote ist unser Leben schwerer geworden", klagt Emma Dorn. Der Ukas von René Obermann entfaltet seine Dynamik: 30 Prozent der oberen und mittleren Führungspositionen im Unternehmen sollen bis Ende 2015 den Frauen gehören. Weltweit gerechnet. Das relativiert die Sache, denn im Ausland mischen fast überall mehr Frauen mit als im Mutterland der teutonischen Männerfestung. Und Vorstand wie auch Aufsichtsrat sind von der Quote nicht betroffen.
Trotzdem ist auf einmal sehr viel Druck in die "Gender-Frage" gekommen. Im Wettrennen um die Führungsposten müssen Headhunter wie Frau Dorn jetzt weibliche Kandidaten präsentieren.
Fortschritt kann anstecken.
Eine Gruppe jüngerer CEOs erklärt die Mobilisierung weiblicher Topkräfte zur Chefsache. Der Däne Kasper Rorsted (Henkel) wirbt längst für mehr Frauen an der Spitze; kontrolliert wird er von Simone Bagel-Trah, der einzigen Aufsichtsratschefin in einem Dax-Konzern. Johannes Teyssen (Eon) sagt empathisch: "Wäre ich eine Frau, wäre ich fordernder." Auch Martin Blessing (Commerzbank), der privat die Gleichheit lebt - seine Ehefrau Dorothee ist Partnerin bei Goldman Sachs - merkt, dass seine Bank die Frauen braucht. Und für Marijn Dekkers, den künftigen Bayer-Chef, der jahrzehntelang in den USA wirkte, muss eine Chefetage ohne Frauen geradezu unanständig wirken.
Wird diese neue Generation von Unternehmenschefs also tatsächlich ihre Macht freiwillig teilen?
Und ob, sagt der frisch gekürte Eon-Chef Teyssen: "Da bin ich Gesinnungstäter." Er war noch keine zwei Wochen im Amt, da holte er Regine Stachelhaus.
© manager magazin 7/2010
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