Von Klaus Ahrens
Ja, und nun geht es - nach üppigem Mittagsmahl an langer Tafel im Hof - an die Uhr. Drei Zeiger, kleine Sekunde auf der Sechs, ein Klassiker mit Unitas-Werk von der schweizerischen Eta aus der Swatch Group
- mit 21.600 Halbschwingungen pro Stunde eher bedächtig, mit 48 Einzelteilen eher überschaubar. Aber robust und zuverlässig, auch in ungeübten Händen gut aufgehoben. Die soll nun zerlegt werden, mit Messingpinzette und ein paar Schraubenziehern, das Auge mit einer Lupe bewaffnet. Möglichst ohne größere Verluste.
Als Boden, Zeiger und Zifferblatt abgenommen sind, die Aufzugskrone heraus ist, kann das Werk aus dem Gehäuse genommen und abgespannt werden, zu Deutsch: Sein Lauf wird angehalten, die Unruh steht still. Nun können die Brücken abgeschraubt und die darunter verborgenen Zahnräder entnommen werden, zum Schluss die filigrane Unruh mit ihrer hauchzarten Schwungfeder. Totenstille im Saal, als es so weit ist, die Arbeit an dem Rädchen schafft eine Spannung wie das Entschärfen von Bombenzündern, bloß keine falsche Bewegung, sonst ist das Wunderwerk im Eimer. Ein Aufatmen geht durch die Reihen, als es geschafft ist. Denn nun liegt sie vor einem, die magische Mechanik der Zeitteilung, der Anker und das Ankerrad. Sie sind es, die den Ablauf der Feder hemmen und in Sekundentakten abbremsen, Zählwerk sozusagen des Weltenlaufs.
Was nun folgt, ist reine Schraubarbeit. Nachdem das Hemmungsrad entfernt ist, wird die Ankerhalterung entnommen, dann werden die Brücken gelöst und abgehoben, schließlich noch das Federhaus. Und die Uhr ist restlos zerlegt. Worauf - das Uhrmacherleben ist hart - der Zusammenbau in umgekehrter Reihenfolge angegangen wird. Bis sechs Uhr abends ist es vollbracht, Abendruhe.
Ein Tag für die Finissage
Der zweite Tag des Seminars ist zu großen Teilen der Verzierung, der Finissage, gewidmet. So werden die Schrauben poliert und gebläut, die inzwischen galvanisch vergoldeten Brücken von jedem Teilnehmer - schließlich geht es um eine attraktive Rückansicht durch den Saphirboden - mit feinem Genfer Wellenschliff versehen. Dazu wird das Werk in ein Schiff gespannt und unter einer sanft angedrückten Schleifscheibe hindurchgeführt.
"Nur mit dem Zeigefinger andrücken", mahnt Uhrmacher Franz Wolff, während auf den Brückenplatten fein das Licht reflektierende Längsstreifen entstehen. Ein Widerschein des milden Leuchtens spiegelt sich auf den Gesichtern der Uhrenbauer.
Nach diesem ziertechnischen Höhepunkt und ein paar Tropfen Öl kann der endgültige Zusammenbau beginnen. Bis endlich die blauen Zeiger auf das Zifferblatt gesetzt werden. Auf dem allerdings kein Markenlogo angebracht ist, sondern - Gipfel des Snobismus - lediglich der Name des jeweiligen Seminarteilnehmers.