Von Klaus Ahrens
Seckenheim - Ein altes Tabakbauerngehöft an der Hauptstraße, das Holztor weit geöffnet, hinten eine mächtige Scheune im morgendlichen Sonnenschein - ein Idyll. Nichts verweist darauf, dass sich hier eine Wallfahrtsstätte der Feinmechanik verbergen könnte.
Acht Pilger, Herren zwischen 35 und 70 Jahren, warten vor dem Gebäude, vertreten sich erwartungsvoll die Beine, stellen einander vor, präsentieren die teuren Chronometer, die sie am Handgelenk tragen. Spannung liegt in der Luft. Was wird das geben, ein Uhrenseminar in einem Flecken bei Mannheim, zwei Tage lang eintauchen in die Geheimnisse der Uhrenfertigung? So hatte es der Prospekt des Veranstalters versprochen: "Bauen Sie Ihre eigene Uhr, und erleben Sie die faszinierende Welt der Federn, Räder und Hebel."
Dies ist das Besondere am Wochenendseminar der Firma Lottermann & Söhne in Seckenheim am Neckar: das Versprechen auf einen selbst zusammengebauten Zeitmesser. Jede Manufaktur, die auf sich hält, bietet ihren geneigten Kunden mittlerweile Uhrmacherseminare an. Aber dort geht man anschließend eben nur reicher an Wissen nach Hause, nicht mit einem selbst geschaffenen Instrument.
Aus der Scheunentür tritt mit schütterem Lockenhaar der hagere Hausherr, Till Lottermann. Der Uhrmachermeister begrüßt die Runde mit ein paar knappen Sätzen in badischem Singsang und führt sie in dem hohen Bau, der einst der Lagerung der Tabakernte diente, ein Stockwerk nach oben. Dort öffnet sich unter altem Gebälk ein großer Werkstattraum mit acht dieser hohen Tische, an denen Uhrmacher zu arbeiten pflegen. Ringsum an den Wänden hängen historische Zeitmesser. Es gibt Drehbänke, Fräsen, Spülbecken, Schränke mit Werkzeug und Teilen, alles, was das Handwerkerherz begehrt. Und an jedem der Arbeitsplätze liegt eine fertige, durch ihre schiere Größe eindrucksvolle Armbanduhr.
Emotion der maskulinen Sorte
Die Teilnehmer: Ein Bauunternehmer aus der Region, ein Gourmetkoch und Restaurantbesitzer aus Stuttgart, etliche Ingenieure, auch ein junger Logistikmanager ist darunter, der eigens aus Kuwait angereist ist, um mit seinem alten Vater, einem Uhrmacher, an dessen Handwerk zu schnuppern.
"Unsere Seminare sollen helfen, auch dem uhrmacherischen Laien einen tiefen Einblick in die Welt der Uhrenmechanik zu ermöglichen", heißt es in der theoretischen Einführung, die nun den Unterricht eröffnet.
Ein zweiter Uhrmachermeister, der schlaksige Franz Wolff, ist inzwischen dazugekommen. Ihm eilt der Ruf voraus, ein eigenes patentiertes Werk entwickelt zu haben, das von einem Fachblatt vor zwei Jahren unter die Spitzenprodukte der Zunft gewählt wurde. Er macht klar, worin das ganze Geheimnis des Uhrenzaubers besteht: Emotion, und zwar jene von der maskulinen Sorte, die Schrauben und Schmierstoff, Zahnräder und Zahlen als Objekte ihrer Zuwendung bevorzugt.
Der Appell ans Gefühl ist wörtlich zu nehmen. "Wenn man Schrauben zu fest anzieht", warnt Meister Wolff vor allzu rohem Hantieren mit den fliegenschisswinzigen Haltebolzen, "dann gibt es schnell Totalschaden - zärtlicher Umgang ist also geraten." So behutsam können Männer von ihren mechanischen Gespielinnen reden.
© manager magazin 6/2010
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