Autoindustriemanager magazin RSS  - Autoindustrie - Autoindustrie


06.07.2010
Twitter GooglePlus Facebook

Porsche

Ein Fall von Größe

Von Michael Freitag und Thomas Katzensteiner

Im Fokus der Fahnder: Wendelin Wiedeking
DPA

Im Fokus der Fahnder: Wendelin Wiedeking

Machtwechsel bei Porsche: Matthias Müller löst Michael Macht an der Unternehmensspitze ab. Fahnder und Zivilkläger sammeln derweil weiter Material gegen Ex-Chefpilot Wiedeking: Die gescheiterte Übernahme von VW entpuppt sich als Deutschlands spektakulärster Wirtschaftskrimi.

Der 13. April war einer der Tage, die typisch sind für den Krisenmix dieses Frühjahrs. Griechenland drohte der nächste Härtetest, die Union freute sich über das abgespeckte Steuersparpaket der FDP, und Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng will den Hamburger SV verlassen.

Doch unbemerkt von der Öffentlichkeit durchsuchten an jenem Dienstag Staatsanwälte und Polizisten Büros in der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und der Stuttgarter BW-Bank. An den Folgetagen klapperten die Ermittler gleich mehrere ausländische Banken ab. Diese Razzia der stillen Art gibt dem spektakulärsten deutschen Wirtschaftsfall der vergangenen Jahre eine noch dramatischere Wendung.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart suchte nach Unterlagen zu Krediten der Porsche Automobil Holding SE Chart zeigen. Sie vermutet, die Vorstände Wendelin Wiedeking (57) und Holger Härter (54) könnten über Monate die Anleger belogen haben. Die ehemaligen Unternehmenslenker weisen die Vorwürfe zurück.

Die Porsche SE, so der Verdacht der Ermittler, könnte einigen Banken während Kreditverhandlungen schon früh einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit VW versprochen haben. Für einen solchen Vertrag hätte Porsche einen 75-Prozent-Anteil an VW Chart zeigen benötigt. Das Unternehmen hatte noch bis Anfang Oktober 2008 dementiert, die Beteiligung auf 75 Prozent erhöhen zu wollen.

In Wiedekings Umfeld wächst die Unruhe. "Wenn die wirklich schon frühzeitig über die 75 Prozent entschieden haben, sieht das für Wiedeking, Härter und Porsche gar nicht gut aus", meint ein Vertrauter des ehemaligen Porsche-Chefs.

Als wäre das alles nicht genug Ärger für Wiedeking und Härter, verklagten amerikanische Hedgefonds die beiden und die Porsche SE vor einem New Yorker Bezirksgericht auf Schadensersatz. Es geht um mindestens zwei Milliarden Dollar.

Deutsche Staatsanwälte und amerikanische Großanleger haben eine regelrechte Jagd auf Wiedeking und Härter begonnen. Langsam, so scheint es, zieht sich die Schlinge zu. Sollten die Porsche-Vorstände - was sie bestreiten - 2008 tatsächlich über Monate gelogen haben, läge ein folgenschwerer Schluss nahe. Dann hätten Wiedeking und sein Finanz-Alchimist Härter womöglich Scharen von Anlegern in eine diabolische Falle gelockt und sie binnen weniger Tage Ende Oktober 2008 um bis zu 15 Milliarden Euro erleichtert. Die Porsche SE verdiente formidabel an den Verlusten der anderen: 5,2 Milliarden Euro blieben als Bruttoerlös in der Kasse. Das half lediglich kurzfristig: Nur fünf Monate später stand der Konzern vor der Insolvenz.

Es zeichnet sich eine epische Justizschlacht ab, ausgefochten in New York und Stuttgart, Wolfsburg und Berlin. Beteiligt sind deutsche Staatsanwälte, amerikanische Starjuristen, einige der bedeutendsten deutschen Automanager sowie - wenn es ganz hart kommt - demnächst auch die Spitzen der deutschen Politik. Schließlich klagen hier Hedgefonds, im von der Euro-Krise geschüttelten Europa für viele Politiker die Staatsfeinde Nummer eins, gegen einen deutschen Mythos: eine Bedrohung auch für Europas größten Autokonzern, die künftige Volkswagen-Porsche AG.

Schon vor Monaten hatte die Staatsanwaltschaft in Sache Porsche Büros und Privatwohnungen durchsucht. Die neuen Razzien zeigen, wie ernst die Ermittler die Vorwürfe nehmen.

Die schlechten Nachrichten für die früheren Porsche-Lenker häufen sich:

  • Die Finanzwächter der Bafin sehen Indizien für Ad-hoc-Verstöße und Marktmanipulation. Porsche, so der Verdacht, habe die Finanzmärkte zu spät oder falsch informiert, zum Beispiel über die Höhe seines Anteils an Volkswagen. "Die Bafin hofft, dass Porsche tatsächlich angeklagt wird", sagt einer, der häufig mit der Behörde zu tun hat.
  • Die Staatsanwaltschaften in Frankfurt und Stuttgart vermuten, Porsche habe während der versuchten VW-Übernahme unter anderem gegen Paragraf 20a des Wertpapierhandelsgesetzes verstoßen. Der Vorwurf: Der Konzern habe seine Marktmacht dazu missbraucht, den VW-Kurs in seinem Sinn zu manipulieren. Es geht dabei auch um jene für Hedgefonds so teuren Tage im Herbst 2008.
  • Die Stuttgarter Ermittler prüfen auch, ob Porsche den Kurs der VW-Aktie gemeinsam mit der kanadischen Maple Bank über Monate künstlich in einer bestimmten Bandbreite hielt. Dieser Fall sei eigentlich so gut wie abgeschlossen, heißt es in Justizkreisen. Nachdem vor wenigen Wochen sämtliche Verfahren in Stuttgart gebündelt worden sind, wird sich die Sache nun mindestens bis 2011 verzögern. Ende 2010 will die Behörde einen Zwischenbericht zu den Ermittlungen präsentieren. Wiedeking, Härter und die Porsche SE bestreiten sämtliche Vorwürfe.
  • In New York drohen weitere Klagen. In Kürze wollten zwei zusätzliche Großfonds Schadensersatz einfordern, berichten US-Juristen. Allein diese beiden, einer ein Hedgefonds, der andere eher auf Unternehmensbeteiligungen spezialisiert, werden wohl einen Schaden von gut einer Milliarde Dollar anmelden. Die US-Anleger haben noch bis Ende Oktober Zeit, Klagen einzureichen. Kenner der Fondsszene erwarten, dass bis dahin weitere fünf bis sieben Milliarden Dollar Verluste reklamiert werden.

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Weitere Artikel zu Diesem Thema

500-Millionen-Investition
BMW verdoppelt Kapazitäten in China
Entwicklungsallianz
Mazda und Fiat wollen Sportwagen bauen
Autovermieter
Sixt-Gewinn schrumpft um ein Fünftel
Automobilhersteller
Die besten Innovationen der Automarken


Das neue manager magazin

Heft 5/2012

Morbus Krupp
Der Ruhrkonzern kämpft ums Überleben


Tage des Zorns: Wie Porsche die Hedgefonds überrollte

  • 24. Oktober 2008
    Auch unter Spekulanten gibt es Modeerscheinungen. Als ein solcher "Trade de Jour" gelten im Herbst 2008 Wetten auf einen Kursverfall der Volkswagen-Stammaktie. Diesen liegt die Annahme zugrunde, dass der Preis der teuren VW-Stämme sich dem der weit billigeren VW-Vorzugsaktien annähern wird, sobald Porsche seine Beteiligung an VW nicht mehr weiter aufstockt. Etliche Investoren, darunter viele Hedgefonds, haben sich deshalb bei Banken und anderen Investoren Millionen VW-Aktien geliehen und diese verkauft. Sie hoffen, die Anteile später zu einem günstigeren Kurs zurückgeben zu können.
  • 26. Oktober
    Porsche erklärt in einer Pressemitteilung, dass der Konzern 42,6 Prozent der VW-Stämme sowie Optionen auf weitere 31,5 Prozent halte und plane, seine Beteiligung auf 75 Prozent zu erhöhen. Übersetzt bedeutet das: Da fast 75 Prozent von Porsche kontrolliert werden und rund 20 Prozent dem Land Niedersachsen gehören, ist der Markt so gut wie ausgetrocknet. Es gibt also nicht genug verfügbare Aktien, um alle Wetten zu schließen.
  • 27. und 28. Oktober
    Unter den Investoren bricht Panik aus, weil ihr rechnerischer Verlust nun unbegrenzt ist. Der Kurs der VW-Stammaktien explodiert und schießt am 28. Oktober kurzzeitig auf 1005 Euro. Volkswagen ist mit rund 300 Milliarden Euro Marktkapitalisierung für kurze Zeit der wertvollste Konzern der Welt vor dem Ölriesen Exxon.
  • 29. Oktober
    Porsche teilt mit, wegen der Verwerfungen einen Teil seiner Optionen aufzulösen. Bis zu 5 Prozent will der Sportwagenbauer zu diesem Zweck abgeben. Für Porsche ein gutes Geschäft: Das Unternehmen erlöst mit den Optionsverkäufen rund 5,2 Milliarden Euro. Unterdessen nutzen auch die VW-Vorstände den hohen Kurs. Sie üben eigene Aktienoptionen aus und kassieren 25 Millionen Euro. Die Investoren werfen Porsche jetzt vor, sie gezielt belogen und in eine Falle gelockt zu haben.








Service
manager-magazin-AbonnementAbo-Service
Angebote von A bis ZAngebote von A-Z
Ihr persönliches DepotDepot
Twitter-FeedsTwitter-Feeds
manager magazin mobilmm mobil
Partnerangebote
Analysieren Sie online Ihren Standort im Vergleich zu den Besten mit CONTOR-REGIOContor-Regio:
Analysieren Sie
online Ihren Standort
Seminarmarkt: Tanken Sie KarrierewissenSeminarmarkt:
Tanken Sie Karrierewissen
GehaltsCheck: Verdienen Sie genug?GehaltsCheck:
Verdienen Sie genug?
Handytarife: Finden Sie den passenden TarifHandytarife:
Finden Sie den passenden Tarif
Medführer: Finden Sie Ihren Arzt oder Ihre KlinikMedführer:
Finden Sie Ihren Arzt
oder Ihre Klinik
imedo Arztsuche: Ärzte, Therapeuten, Heilpraktiker und Apothekenimedo:
Ärzte, Heilpraktiker, Apotheken