Von Michael Freitag und Thomas Katzensteiner
Der 13. April war einer der Tage, die typisch sind für den Krisenmix dieses Frühjahrs. Griechenland drohte der nächste Härtetest, die Union freute sich über das abgespeckte Steuersparpaket der FDP, und Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng will den Hamburger SV verlassen.
Doch unbemerkt von der Öffentlichkeit durchsuchten an jenem Dienstag Staatsanwälte und Polizisten Büros in der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und der Stuttgarter BW-Bank. An den Folgetagen klapperten die Ermittler gleich mehrere ausländische Banken ab. Diese Razzia der stillen Art gibt dem spektakulärsten deutschen Wirtschaftsfall der vergangenen Jahre eine noch dramatischere Wendung.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart suchte nach Unterlagen zu Krediten der Porsche Automobil Holding SE
. Sie vermutet, die Vorstände Wendelin Wiedeking (57) und Holger Härter (54) könnten über Monate die Anleger belogen haben. Die ehemaligen Unternehmenslenker weisen die Vorwürfe zurück.
Die Porsche SE, so der Verdacht der Ermittler, könnte einigen Banken während Kreditverhandlungen schon früh einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit VW versprochen haben. Für einen solchen Vertrag hätte Porsche einen 75-Prozent-Anteil an VW
In Wiedekings Umfeld wächst die Unruhe. "Wenn die wirklich schon frühzeitig über die 75 Prozent entschieden haben, sieht das für Wiedeking, Härter und Porsche gar nicht gut aus", meint ein Vertrauter des ehemaligen Porsche-Chefs.
Als wäre das alles nicht genug Ärger für Wiedeking und Härter, verklagten amerikanische Hedgefonds die beiden und die Porsche SE vor einem New Yorker Bezirksgericht auf Schadensersatz. Es geht um mindestens zwei Milliarden Dollar.
Deutsche Staatsanwälte und amerikanische Großanleger haben eine regelrechte Jagd auf Wiedeking und Härter begonnen. Langsam, so scheint es, zieht sich die Schlinge zu. Sollten die Porsche-Vorstände - was sie bestreiten - 2008 tatsächlich über Monate gelogen haben, läge ein folgenschwerer Schluss nahe. Dann hätten Wiedeking und sein Finanz-Alchimist Härter womöglich Scharen von Anlegern in eine diabolische Falle gelockt und sie binnen weniger Tage Ende Oktober 2008 um bis zu 15 Milliarden Euro erleichtert. Die Porsche SE verdiente formidabel an den Verlusten der anderen: 5,2 Milliarden Euro blieben als Bruttoerlös in der Kasse. Das half lediglich kurzfristig: Nur fünf Monate später stand der Konzern vor der Insolvenz.
Es zeichnet sich eine epische Justizschlacht ab, ausgefochten in New York und Stuttgart, Wolfsburg und Berlin. Beteiligt sind deutsche Staatsanwälte, amerikanische Starjuristen, einige der bedeutendsten deutschen Automanager sowie - wenn es ganz hart kommt - demnächst auch die Spitzen der deutschen Politik. Schließlich klagen hier Hedgefonds, im von der Euro-Krise geschüttelten Europa für viele Politiker die Staatsfeinde Nummer eins, gegen einen deutschen Mythos: eine Bedrohung auch für Europas größten Autokonzern, die künftige Volkswagen-Porsche AG.
Schon vor Monaten hatte die Staatsanwaltschaft in Sache Porsche Büros und Privatwohnungen durchsucht. Die neuen Razzien zeigen, wie ernst die Ermittler die Vorwürfe nehmen.
Die schlechten Nachrichten für die früheren Porsche-Lenker häufen sich: