Von Henrik Müller
Sicher, es gibt in der Geschichte auch Beispiele für seriöses Deleveraging. Die USA und Großbritannien, die nach der Großen Depression und dem Zweiten Weltkrieg hoch verschuldet waren, bauten in den 50er und 60er Jahren ihre Lasten großteils ab. Die skandinavischen Länder, um 1990 von Bankenkrisen geplagt, haben ihre Staatsschuldenquoten seither annähernd halbiert. Den asiatischen Schwellenländern gelang nach dem Crash von 1997/98 eine überraschend schnelle finanzielle Gesundung.
Aber in all diesen Fällen wurde das Deleveraging unterstützt von solidem Wachstum. Diesmal ist die gesamte westliche Welt betroffen; gegen die Krise an zu exportieren, wird schwierig. Die Krise selbst dämpft das trendmäßige Wachstum. Die beginnende demografische Wende verschärft die Schuldenproblematik zusätzlich. Und, und, und.
Unter diesen Bedingungen Schulden abzubauen ist enorm schmerzhaft. Entsprechend groß sind die politischen Widerstände. Man braucht gar nicht verächtlich auf die streikgeplagte griechische Regierung zu zeigen. Nirgends, weder in den USA noch in Westeuropa, trauen sich die Regierungen bislang ernsthaft, die Konsolidierung einzuleiten. Und da sowohl die öffentlichen als auch die privaten Haushalte tief in der Kreide stehen, ist ein laxer Kurs durchaus populär - die Interessen des Staates und vieler Bürger sind weitgehend deckungsgleich.
Wohin dieser Weg führt, ist absehbar: Irgendwann wird man sich der Lasten auf unseriöse Art entledigen - durch Inflation, Abwertung oder Staatsbankrott. Also durch die teilweise Enteignung der Gläubiger.
Wer sich also heute verantwortungsvoll verhält, wer spart und seine Schulden ganz konservativ zurückzahlt, der läuft Gefahr, am Ende sein Geld zu verlieren. Das gilt für Staaten, für Privatleute, für Unternehmen.
Wie gesagt: Wer spart, der könnte am Ende der Dumme sein.
© manager magazin 3/2010
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