Von Henrik Müller
Wenn die Zeiten hart werden, bedienen sich Finanzprofis gern einer wattierten Softsprache. Es ist ja alles schlimm genug, da muss man die Leute nicht noch zusätzlich beunruhigen. Der derzeit wohl populärste verbale Weichmacher lautet: "Deleveraging" - Enthebeln. Gemeint ist natürlich Schulden abbauen, womöglich gar: zurückzahlen.
Die Aufgabe ist gigantisch. Viel zu lange haben die Gesellschaften des Westens rücksichtslos über ihre Verhältnisse gelebt. Betrachtet man nicht nur die Verbindlichkeiten der Staaten, sondern auch der Bürger, der Banken und der Unternehmen, dann zeigt sich, dass seit den 80er Jahren die Schulden doppelt so schnell gewachsen sind wie die Wirtschaftsleistung, in einigen Ländern sogar dreimal so schnell.
2009 betrugen die gesamten öffentlichen und privaten Verbindlichkeiten in Deutschland 285 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in den Vereinigten Staaten 296 Prozent, in Italien 315 Prozent, in Frankreich 323 Prozent und in Großbritannien 466 Prozent, wie das McKinsey Global Institute in einer Studie vorrechnet.
Schuldenberge, die in der Ära des leichten Geldes - globalisierte Kapitalmärkte, schwache Regulierung und niedrige Zinsen - angehäuft wurden. Der kreditgetriebene Boom der 2000er Jahre und die nun einsetzende Explosion der Staatsdefizite sind lediglich das Schlusscrescendo einer langen, schleichenden Entwicklung.
Große Krisen treten typischerweise in Sequenzen auf, wie die US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrer groß angelegten Untersuchung über die Geschichte der Finanzkrisen ("This time is different") zeigen. Auf kreditgetriebene Booms folgen in den Jahren darauf häufig Finanzmarktcrashs, Banken-, Währungs-, Schuldenkrisen und Inflation.
So entledigen sich finanziell manövrierunfähige Gesellschaften ihrer Verbindlichkeiten. Reinhart und Rogoff haben daraus einen Gesamtkrisenindikator für die Weltwirtschaft entwickelt, der derzeit dramatisch hohe Werte anzeigt.