Von Wolfgang Hirn
Dieser Mann ist ein Unternehmer, wie er nicht im (Lehr-) Buche steht. Unter der Wallefrisur steckt ein eigenwilliger Kopf. Der Unternehmer ist friedensbewegt und ökobewusst. Er verkörpert eine Mischung aus Pietismus und Revoluzzertum. Pietcong hat der scharfzüngige Herbert Wehner diese Spezies von Mensch einst genannt, die vor allem im Schwäbischen anzutreffen ist.
Der ungewöhnliche Mann heißt Alfred T. Ritter (56). In den USA würde der Enkel des gleichnamigen Vaters und Großvaters Alfred Ritter III. heißen. Wir sind aber nicht in den USA, sondern in Waldenbuch, einem Städtchen in einer Senke zwischen Stuttgart und Tübingen.
Um dorthin zu gelangen, braucht der Besucher kein Navigationssystem, sondern muss nur rechtzeitig das Fenster im Auto herunterkurbeln. Und dann immer der Nase nach, dem verführerischen Duft der Schokolade folgend.
In der Ortsmitte, von Stuttgart kommend, rechts abbiegen. Nach 300 Metern ist das Ziel erreicht: Ein "Schokoladenfabrikle", wie der Hausherr Alfred Ritter sein stattliches Gelände verniedlichend tituliert, auf dem Deutschlands größter selbstständiger Schokoladenhersteller produziert. Alfred Ritters Büro ist quadratisch, die Kunst darin auch. Das Quadrat beherrscht hier alles. Kurz kommt der Gedanke auf, dass - wenn denn überhaupt irgendwo - hier die Quadratur des Kreises gelingen könnte.
An ein ähnlich ambitiöses Vorhaben hat sich Herr Ritter im vergangenen Jahr gewagt: Während sich viele Manager in der Konsumgüterbranche derzeit die Frage stellen, ob sie die Preise senken sollen, um mehr rezessionsgeplagte Kunden in die Läden zu locken, hat Ritter diese Preisfrage längst entschieden. Und zwar gegen den herrschenden Trend: Um den Absatzrückgang zu bekämpfen, erhöhte er die Preise massiv und steckte zudem mehr Geld in die Werbung.
Ritter fährt also eine klassische antizyklische Strategie, die zwar viele Betriebswirte in ihrem Studium gelehrt bekommen, aber später in der Praxis meist nicht anzuwenden wagen. Weil sie Angst haben, dass ihnen die Kunden davonlaufen.
Der furchtlose Ritter nahm diese Sorge nicht sehr ernst. Und der Erfolg gibt ihm recht: Das mittelständische Unternehmen steigerte den Umsatz und ist inzwischen wieder in den schwarzen Zahlen. Ritter beweist damit, dass eine Preiserhöhung nicht im Desaster enden muss, sondern durchaus - wenn mit den richtigen Marketingmaßnahmen flankiert - auch in Krisenzeiten eine Erfolg versprechende Strategie sein kann.
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