Von Klaus Boldt
mm: Viele Häuser legen Gratis- und Bezahlredaktionen zusammen, machen die Angebote damit austauschbar - und zerstören die Identität der jeweiligen Marken.
"Mir hat schon sehr früh das Zusammenspiel von Online und Print gefallen."
mm: Immer mehr Journalisten und Freizeitschreiber fühlen sich bemüßigt, ihre Aha-Erlebnisse in Netztagebüchern zu verbreiten und ihren Senf unter den Meinungsbrei zu quirlen. Sehnen Sie sich manchmal nach Ruhe vor dem Medien-Trallala mit den "Zusatzangeboten" im Internet, den "tollen Bildergalerien", "allen Extras", den "Mitmach-Wettbewerben" und ständigen "Livetickern"?
Burda: Nein, denn dem kann ich mich ja entziehen. 1998, als dies alles diese hohe Dynamik bekam, hatte ich ein Gespräch mit dem damaligen Gruner+Jahr-Chef, Gerd Schulte-Hillen. Er erzählte mir, dass sich aus der amerikanischen Verlagstochter viele Mitarbeiter mit eigenen Netzzeitungen selbstständig gemacht hätten. Heute sind das mehr und mehr die Blogs. Aber für einen durchaus exquisiten Fashion-Blog, der vielleicht 800 Euro im Monat abwirft, wird keiner so schnell einen guten Job in der "Instyle"-Redaktion aufgeben.
mm: Ist die Krise der Medien auch eine Krise des Journalismus und der Journalisten?
Burda: Walter Benjamin hat einmal gesagt, wann immer sich die Medien ändern, verändert sich die Gesellschaft. Insofern verändert sich im Moment natürlich die Art und Weise, wie Menschen die Medien nutzen. Veränderungen bringen Neues hervor. Nehmen Sie Arianna Huffington und ihr News-Portal "Huffington Post". Oder blicken wir noch weiter zurück und erinnern uns, wie sich neben den großen politischen Kommentatoren im Print eine vollkommen neue Gattung von Fernsehjournalisten etabliert hat. Sie schreibt vielleicht nicht so gut, aber sie denkt genauso klug wie eine Illner, ein Plasberg, eine Maischberger oder eine Anne Will. Und das nicht nur im politischen Kommentar. Beckmann, Kerner, Jauch oder Gottschalk bestimmen in ihren Sendungen unsere Emotionen und Wahrnehmungen. Und dass sie dabei oft das Zehnfache eines Print-Redakteurs verdienen, sollte die anderen nicht zu neidisch werden lassen.
mm: Unbestritten ist, dass Print-Medien allmählich verdrängt werden sowohl von kostenlosen Informationsangeboten als auch von weiterentwickelten mobilen Datenträgern. Wie stellen Sie sich die mediale Zukunft vor, ihre Vielfalt und Qualität?
Burda: Mir hat schon sehr früh das Zusammenspiel von Online und Print gefallen. Man sieht ja gerade, dass bei epochalen Events wie dem Tod von Michael Jackson alle Medien zusammenspielen. Twitter brach für kurze Zeit zusammen, Online-Magazine erreichten sensationelle Werte. ARD, N-TV und N24 sendeten die Trauerfeier live aus dem Staples Center. Alle großen Web-Seiten hatten einen Live-Stream eingebunden. Ich selbst habe mich per iPhone auf dem Laufenden gehalten. Das Radio brachte Meldungen, "Bild" machte mit der weinenden Tochter auf. SPIEGEL, "Focus" und "Bunte" hatten große Titelgeschichten, und der "Stern" ging mit einem Sonderheft an den Kiosk. Diese mediale Mischung kommt unserer Wahrnehmung am nächsten. Ein Foto oder das bewegte Bild eines Clips können wir mit einem ergänzenden Text besser einordnen. Unser Hirn funktioniert nun einmal so.
mm: Herr Burda, was sagen Sie: Sollen wir dieses Interview im Internet verschenken?
Burda: Mir wäre es auch recht, wenn Sie es verkauften.