Von Michael Freitag
Jeden Tag um die Mittagszeit trifft sich im schwäbischen Sindelfingen eine kleine Gruppe von Männern. Mercedes-Werksleiter Eberhard Haller (57) ruft seine wichtigsten Leute zum Cashflow-Meeting. Produktion, Absatz, Einkauf, Liquidität: Die Truppe analysiert, wie es um das Mercedes-Werk in Sindelfingen bestellt ist und wo sie noch sparen kann.
Das tägliche Krisentreffen um Highnoon zeigt, wie ernst die Situation bei Daimler
ist. Neun Milliarden Euro Cash hat der Konzern 2008 verbrannt. Setzt sich das so fort, steht Deutschlands stolzestes Automobilunternehmen spätestens 2011 vor dem Aus.
"Es geht ums nackte Überleben", sagt ein Aufsichtsrat. Das sei für den Rest der Branche freilich genauso, schiebt der Kontrolleur rasch nach. Aber - und das ist neu - es gilt eben auch für Daimler. So groß ist die Not, dass Bargeld plötzlich wichtiger ist als Gewinn oder Verlust.
Rainer Schmückle (49), als stellvertretender Mercedes-Chef für das Tagesgeschäft verantwortlich, hat der Automobilsparte im März deshalb ein besonders drastisches Sparmodell verordnet. Die Mercedes-Leute kürzen nicht länger die Etats um 5, 10 oder 15 Prozent. Sie fegen die alten Pläne gleich ganz beiseite und beginnen wieder bei null: Was brauche ich wirklich? Wofür muss ich unbedingt Geld ausgeben? Im Zweifel entscheidet Schmückle selbst.
Er sanierte bei der früheren Bahntechnik-Tochter Adtranz, er bewahrte den amerikanischen Lkw-Bauer Freightliner vor dem Untergang, er holte Mercedes aus den roten Zahlen. Als Chrysler Ende 2006 immer tiefer abrutschte, sollte er nebenbei auch noch die Amerikaner retten. Dieses eine Mal kam er zu spät. Der Notverkauf war nicht mehr zu verhindern.
Jetzt ist Schmückle wieder gefragt. Eigentlich müssten sie den Mann klonen, so sehr brennt es im Konzern. Im ersten Halbjahr betrug das Minus bei Mercedes knapp 1,5 Milliarden Euro. Bei Lkw und Transportern sind die Aufträge gegenüber dem vergangenen Jahr um mehr als 50 Prozent eingebrochen.
Konzernchef Dieter Zetsche (56) hat das Unternehmen zum Notfall erklärt, zumindest intern. Es ist kein Zufall, dass Truck-Vorstand Andreas Renschler (51) die Mercedes-Lkw mittels "Emergency"-Programm zurück in die Spur bringen will.