Von Andreas Nölting
mm: Ende Juli besuchen Sie die deutsche Finanzmetropole Frankfurt. Was werden Sie etwa den Bankern dort raten?
"Wir müssen das alte Denken zwischen "wir" und "sie" überwinden, künstliche Grenzen einreißen."
Dalai Lama: Mitgefühl gegenüber anderen Menschen führt zu einer inneren Stärke. Das versuche ich den Menschen klarzumachen: Mitgefühl und Vergebung sind für das Funktionieren einer Gesellschaft enorm wichtig. Ich nenne das säkulare Ethik, Respekt gegenüber anderen Religionen.
mm: Haben wir Deutsche, die wir uns gern als "Exportweltmeister" sehen, eine besondere Verantwortung bei der Bewältigung der Krise?
Dalai Lama: Als ich zehn Jahre alt war, lernte ich Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter kennen. Ich nannte sie "Die zwei Deutschen". Harrer wurde ein enger Freund von mir. Während meines ersten Besuchs in Europa im Jahr 1973 bemerkte ich, dass die deutschen und österreichischen Menschen sehr offen sind. Deutschland baute aus der Asche eine neue Nation mit einer sehr starken Wirtschaft und einer gut funktionierenden Demokratie. Das bewundere ich.
mm: Erleben Sie denn bei uns das von Ihnen gewünschte Mitgefühl?
Dalai Lama: Sowohl Deutsche als auch Japaner habe ich gefragt, ob sie schlechte Gefühle gegenüber dem einstigen Kriegsgegner Amerika hätten, weil zwei Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen worden sind. Die Menschen, die ich fragte, verneinten dies. Sie haben vergeben. Als Barack Obama im vergangenen Jahr Berlin besuchte, jubelten ihm 200.000 Menschen zu. Das empfinde ich als sehr gut. Die Menschen schauen einer neuen Realität entgegen. Wir müssen das alte Denken zwischen "wir" und "sie" überwinden, künstliche Grenzen einreißen. Wir müssen den Rest der Welt als Teil von uns verstehen. Dann werden Kriege verhindert. Aus ihren eigenen Erfahrungen können die Deutschen einen wertvollen Beitrag dazu leisten.