Von Hermann Simon
Mit der Krise hat sich der Shareholder-Value zum Prügelknaben der Nation gemausert, eine bemerkenswerte Karriere dieses im Jahr 1986 von Alfred Rappaport vorgeschlagenen Konzepts zur Unternehmenssteuerung. Besonderer Beliebtheit erfreut sich der Prügelknabe natürlich bei den Zahlreichen, die von Wirtschaft wenig verstehen. Doch erstaunlicherweise gesellen sich auch Wirtschaftskundige in den Kreis der Kritiker.
So gab Jack Welch, von 1981 bis 2001 Chef von General Electric und nach wie vor berühmtester Manager der Welt, im März 2009 folgendes Statement ab: "Genau betrachtet, ist Shareholder-Value die blödeste Idee der Welt." Und Berater Fredmund Malik aus St. Gallen war im gleichen Monat dabei mit der Aussage: "Jedoch ist die auf dem Shareholder-Value-Prinzip beruhende Corporate Governance die systematische Irreführung der Unternehmensleitung."
Schon seltsam! Da hat einer wie Welch den Shareholder-Value über Jahrzehnte gepriesen. Praktiziert hat er ihn allerdings nicht im Sinne des Erfinders, sondern durchaus trickreich, indem er dem Kapitalmarkt vierteljährlich steigende Gewinne lieferte. Nun will er plötzlich nichts mehr davon wissen. Und wenn man die Aussage von Malik betrachtet, dann fragt man sich, wovon er spricht. Jedenfalls nicht vom Shareholder-Value.
Es scheint Zeit dafür, ein gutes Wort für den Shareholder-Value einzulegen. Meines Wissens wurde das Shareholder-Value-Konzept in Deutschland vom seinerzeitigen Vorstandsvorsitzenden der Veba AG, Klaus Piltz, in die Diskussion gebracht. Piltz bat mich selbst 1991, für diese Kolumne etwas zum Shareholder-Value zu schreiben, um das Konzept populär zu machen. Ich lehnte das damals mit der Begründung ab, damit zu wenig vertraut zu sein. Verbunden ist Shareholder-Value in Deutschland mit Jürgen Schrempp.
Was Schrempp als Vorstandsvorsitzender der DaimlerChrysler AG in Wirklichkeit praktizierte, war jedoch das genaue Gegenteil. Am Tag der Erstnotiz von DaimlerChrysler, dem 17. November 1998, lag der Börsenwert bei 71,7 Milliarden Euro. Am Tag vor der Ankündigung des Rücktritts von Schrempp, dem 27. Juli 2005, war das fusionierte Unternehmen noch 36,8 Milliarden Euro oder 49 Prozent weniger wert. Wenn die Leute wirklich glaubten, dass Schrempp Shareholder-Value lebte, dann kann man die heutigen Reaktionen verstehen.
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