Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wiederum bilden noch mehr und noch bessere Innovationen die einzige tragfähige Strategie, mit der Deutschland auch unter den neuen Spielregeln der Weltwirtschaft erfolgreich sein kann. "In einer Welt mit mehr Protektionismus werden am ehesten solche Produkte Handelsschranken überwinden, die niemand anders herstellen kann", hofft Oettinger. Wirtschaftspolitik in der Krise müsste demnach bedeuten, die fragilen Wissensnetzwerke in der deutschen Industrie zu erhalten. Dazu können Bürgschaften dienen, auch eine nochmalige Verlängerung des Kurzarbeitergelds, mit der selbst Finanzminister Peer Steinbrück inzwischen liebäugelt. Eine Staatsbeteiligung an Opel zählt eher nicht dazu. Stattdessen müsste die Politik entschlossener die Forschung in jenen Feldern unterstützen, in denen sich für die deutsche Industrie Wachstumschancen ergeben.
"Die besten Aussichten haben Technologien, die sich an traditionell starke deutsche Branchen anlehnen", sagt BCG-Experte Daniel Stelter, "zum Beispiel die Nanotechnologie, die nah dran ist am Maschinenbau. Oder die elektrische Antriebstechnik beim Auto, von der die Fahrzeugbauer profitieren. Oder aber die weiße Biotechnologie, die der Chemieindustrie neue Impulse gibt."
An Ansätzen fehlt es nicht: Längst hat sich Manfred Wittenstein eine Tochtergesellschaft zugelegt, die sich mit Nanotechnologie beschäftigt, mit der Miniaturisierung von Motoren. Die deutsche Autoindustrie ist endlich aufgewacht und versucht gegenüber Technologieführer Toyota ihren Rückstand bei Elektroantrieben aufzuholen. Und auch die "weiße Biotechnologie", die von Mikroorganismen erzeugte Substanzen für die chemische Industrie nutzbar macht, hat in Deutschland ihren Herold gefunden: Holger Zinke, Gründer und Chef der Brain AG. Im strengen dunklen Dreiteiler, der so gar nicht zu seinem jungenhaften Grinsen passen will, zieht der 46-jährige Mikrobiologe seinen Rollkoffer den Berliner Schiffbauerdamm entlang. Gestern parlamentarischer Abend des Verbands der Chemieindustrie (VCI), heute Gespräche im Forschungsministerium.
Zinkes Brain AG arbeitet zum Beispiel für Henkel
an Waschmittelenzymen, die dafür sorgen, dass die Wäsche bei stromsparenden 30 Grad so sauber wird wie früher nur bei 60 Grad. Große Durchbrüche kommen manchmal alltäglich daher. "Schon 2015 werden 10 Prozent der chemischen Industrie auf biotechnologischen Verfahren basieren", sagt Zinke. "Ein gigantischer Markt, und keine Industrienation ist so sehr dazu bestimmt, ihn zu dominieren, wie Deutschland mit seiner starken Chemiebranche."
Wenn es nach Zinke ginge, müsste alles viel schneller laufen. Gerade jetzt in der Krise müsse man doch in die Offensive: "Warum verkünden die großen Branchenverbände nicht als Strategie: ,Wir wollen Weltmarktführer sein in der Biologisierung der Chemie.'" Stattdessen sei die einzige Vision, die eine große Industrievereinigung durchgefochten habe, die Abwrackprämie. Der VCI diskutierte beim parlamentarischen Abend lieber über die Belastungen durch die EU-Chemikalienrichtlinie.
Zinke beschreibt genau den Spagat, vor dem die Politik in der Weltwirtschaftskrise steht: In den nächsten Wochen muss sie Arbeitsplätze retten und Wahlen gewinnen. In den nächsten Monaten muss sie dazu beitragen, dass die Welt nicht vollends in eine Protektionismusspirale abgleitet. Und in den nächsten Jahren muss sie jene Technologien fördern, mit denen deutsche Unternehmen auch in einer wachstumsschwachen und von neuen Schlagbäumen durchzogenen Weltwirtschaft bestehen können. Nur so lässt es sich verhindern, dass das pessimistischere der beiden BCG-Szenarien zur Realität wird. Der Kampf ums neue Betriebssystem der Bundesrepublik hat längst begonnen.