Montag, 06. September 2010, 04:27 Uhr

manager magazin



07.04.2009
 

Interview mit Anne T.

Zocken ohne Risiko

Von Ulric Papendick und Claus G. Schmalholz

"Es kann schon einige Zeit dauern, bis man hinter all dem Glamour entdeckt, wie diese Branche wirklich tickt", sagt Anne T. Die Insiderin schildert in ihrem Buch "Die Gier war grenzenlos" anonym Maßlosigkeit und Zynismus der Investmentbanker.

mm: Sie haben rund sieben Jahre als Investmentbankerin und Derivatehändlerin bei einem deutschen Geldhaus gearbeitet. Wie viel haben Sie in dieser Zeit verdient?

mm-Bewertung
  • Erkenntniswert: exzellent
  • Stil: mäßig
  • Nutzwert: gut

Anne T.: "Die Gier war grenzenlos. Eine deutsche Börsenhändlerin packt aus."; Econ, 200 Seiten, 18 Euro.Buch bestellen

T.: Genau will ich das nicht beziffern. Aber es waren insgesamt schon ein paar Millionen Euro.

mm: Warum sind Sie trotz solch fürstlicher Gehälter ausgestiegen?

T.: Weil die Zweifel an dem, was meine Kollegen und ich getan haben, irgendwann zu groß wurden. Ich wollte meinen Kunden keine fragwürdigen und überteuerten Finanzprodukte mehr verkaufen, die letztlich nur den Zweck hatten, die Bank und mich reich zu machen.

mm: Die knallharte Zockerin, die selbst Kirchenleuten und Stiftungen hochriskante Derivateprodukte andreht, bekommt plötzlich Gewissensbisse? Diesen Sinneswandel nehmen wir Ihnen nicht ab.

T.: Immerhin bin ich vor dem Crash ausgestiegen, aus freien Stücken. Und es kann schon einige Zeit dauern, bis man hinter all dem Glamour entdeckt, wie diese Branche wirklich tickt. Irgendwann habe ich mich schon gefragt: Was mache ich hier eigentlich?

mm: Bereuen Sie, was Sie getan haben?

T.: Nein. Ich glaube, dass kein Investmentbanker wirklich Reue empfindet. Ich war Teil eines Mikrokosmos, der nach seinen eigenen seltsamen Regeln funktionierte. Aber immerhin habe ich diese Welt jetzt mal in einem Buch beschrieben. Dann kann sich jeder sein eigenes Urteil bilden.

mm: In dieser Welt sahen die Händler am 11. September 2001 zu, wie Tausende Menschen beim Attentat auf das World Trade Center ums Leben kamen. Statt Mitleid zu empfinden, überlegten sie nur, wie sie aus der Situation Kapital schlagen könnten, schreiben Sie. Geht es im Handelsraum einer Bank wirklich so menschenverachtend zu?

T.: Ja, leider. Für Mitgefühl ist da kein Platz. Das war bei mir nicht viel anders: Ich habe damals sogar bereut, dass ich an diesem Tag nicht in der Bank, sondern auf einem Kundentermin war.

mm: Die derzeitige Wirtschaftskrise wurde maßgeblich durch jene Finanzprodukte verursacht, die Ihre Branche entworfen hat. Fühlen Sie sich mitschuldig?

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T.: Im Nachhinein kann man das natürlich so sehen. Aber wir Händler haben uns immer nur als kleines Rad im Getriebe betrachtet. Über die möglichen Folgen unserer Finanzinnovationen, die sich aus der globalen Vernetzung der Bankenwelt ergeben, haben wir uns nie Gedanken gemacht. Uns hat nur interessiert, wie wir den nächsten Bonus kriegen.

mm: Wer trägt denn Ihrer Meinung nach die Hauptverantwortung für die Krise?

T.: Ein großer Fehler waren sicherlich die Anreizstrukturen in den Banken. Wir Händler konnten nahezu bedenkenlos immer größere Deals eingehen, um den Profit unseres Arbeitgebers und unseren eigenen Bonus zu mehren. Das Risiko, dass etwas schiefging, mussten dabei nicht wir tragen, sondern die Bank oder der Anleger. Und eine kompetente Aufsicht, die uns Einhalt geboten hätte, gab es auch nicht.

mm: Lassen sich Krisen mit einer schärferen Regulierung der Banken künftig vermeiden?

T.: Zumindest müssen die Finanzaufsicht und auch die bankinternen Risikomanagement-Abteilungen mit kompetenten - und vermutlich auch besser bezahlten - Fachleuten besetzt werden, die mit den Investmentbankern auf Augenhöhe reden können. Das ist bislang nicht der Fall.

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