Von Henrik Müller
Letzter Ausweg Inflation? Einfach die Gelddruckmaschinen anzuwerfen ist in Europa glücklicherweise nicht ganz so einfach. Die EZB darf, anders als die Fed, nicht direkt Staatsanleihen kaufen. Und während die US-Notenbank per Gesetz verpflichtet ist, das Wachstum zu unterstützen, hat die Euro-Bank nur ein vorrangiges Ziel: "die Preisstabilität zu gewährleisten", so steht es im EU-Vertrag.
Aber was heißt das schon, wenn die Zeiten hart sind? Gelten 2 Prozent Inflation als "Preisstabilität" wie bisher? Oder dürfen es auch 5 oder 8 Prozent sein - zumal wenn im Rest der Welt die Geldentwertung richtig Fahrt aufnimmt? Die Interpretationsspielräume sind weit.
Schon blicken Insider mit Sorge auf die EZB-Statistiken. Darin ist eine rapide steigende Verschuldung der Banken erkennbar - und zwar insbesondere in den Problemländern. So überstiegen zum Jahresende in Irland die Nettoverbindlichkeiten des Bankensektors dessen Forderungen um 71 Prozent, in Griechenland um 45 Prozent, in Portugal um 56 Prozent, in Spanien um 34 Prozent. Offenbar das Resultat der Liquiditätsspritzen seitens der EZB. Letztlich, urteilt ein Fachmann, sei das doch "eine Art von Transferzahlungen an die schwachen Euro-Staaten, die über die EZB abgewickelt werden". Puffer, die die Spannungen innerhalb des Euro-Raumes abfedern - nicht illegal, aber besorgniserregend.
Wenn die akute Krise vorbei sein wird, beginnt die nächste kritische Phase. "Die Bewährungsprobe kommt in den Jahren nach 2011/2012", glaubt Bert Rürup (siehe: "Interview: 'Nach der Krise muss gespart werden'"). "Dann müssen die Regierungen die Konsolidierung ernsthaft in Angriff nehmen." Steuern und Abgaben erhöhen, Ausgaben kürzen, um die Staatshaushalte in den Griff zu bekommen - hochgradig unpopuläre Maßnahmen in einem Umfeld, das immer noch von der großen Krise geprägt sein wird.
In dieser Phase dürften auch die Ölpreise wieder empfindlich steigen, weil die Förderkapazitäten eng sind und der Energiehunger großer Schwellenländer wie China und Indien wiedererwacht - ein massiver Inflationsimpuls für die Weltwirtschaft.
Es ist längst absehbar: Der nächste Aufschwung wird vor allem für die Notenbanken zur Bewährungsprobe. Sie müssen die Liquidität wieder einsammeln, die sie jetzt in die Märkte pumpen, müssen die Zinsen anheben und eine ohnehin schwächliche Konjunktur wieder bremsen.
Entsprechend groß wird der politische Druck sein, es doch nicht ganz so genau zu nehmen und einen zarten Aufschwung nicht gleich wieder abzuwürgen. Schon jetzt bauen manche Notenbanker für die kommenden schwierigen Zeiten rhetorisch vor: Wir müssen sehr aufpassen", sagt EZB-Mann Stark, dass es nicht mittelfristig "zu erneuten Übertreibungen und zu steigender Inflation" komme (siehe: "Interview: 'Ich bin durchaus beunruhigt'").
Auch Ben Bernanke, der Chairman der amerikanischen Federal Reserve, kündigt bereits an, dass die US-Notenbank irgendwann wieder einen strafferen Kurs steuern müsse. Seine Mannschaft stehe zu der Verpflichtung, "Vollbeschäftigung und Preisstabilität" zu gewährleisten.
Allerdings: Die Amtszeit des Republikaners Bernanke wird dann abgelaufen sein; sie endet im Januar 2010. Gut möglich, dass die Regierung Obama einen Nachfolger nominiert, der diese Verpflichtung laxer auslegt.