Von Henrik Müller und Christian Rickens
Werner Bukowski (55) liebäugelte schon lange mit der Schweiz, "wegen der Steuern". Noch ein Jahrzehnt bis zur Rente, da könnte man doch mal das Nettogehalt steigern und dann mit dem Ersparten ganz entspannt in den Ruhestand gleiten - eine verlockende Vorstellung.
Ein Headhunter vermittelte ihm einen Job bei der Schweizer Dependance des PC-Herstellers Dell. Seit einem Jahr wohnen Bukowski und seine Frau nun in Zürich und wollen bleiben. Mit den Schweizern sei es zwar nicht so einfach, Kontakt zu bekommen, erzählt er, aber unter den 100.000 Ausländern, darunter 35.000 Deutsche, die in Zürich leben, gebe es ja genug Auswahl an Leuten.
Keine Gesellschaft kann es sich auf Dauer erlauben, ihre leistungsfähigsten Mitglieder ziehen zu lassen. Zum einen aus fiskalischen Gründen: Die oberen 10 Prozent der Einkommensbezieher tragen in Deutschland die Hälfte des gesamten Einkommensteueraufkommens.
Zum anderen halten gerade die jungen, gut ausgebildeten Aufstiegshungrigen gesellschaftliche Innovationsprozesse am Laufen - auch indem sie jenen Mut zur Veränderung aufbringen, den eine alternde, verängstigte Gesellschaft dringend benötigt.
Mit anderen Worten: Jemanden wie Daniel Gorin sollte Deutschland nicht verlieren. Bereits als Gymnasiast gründete er seine Firma Phase-6.de, die Lernsoftware programmiert und an deutschen Schulen vertreibt. Das Betriebswirtschaftsstudium brach Gorin nach einigen Semestern ab. Obwohl Deutschland der Ausgangspunkt seines Unternehmens war, sah Gorin sich gezwungen, Firmen- und Wohnsitz in die Schweiz zu verlegen: "Das Wachstum meines Unternehmens finanziere ich bislang ausschließlich aus den Gewinnen. Jeder Euro, den ich ans Finanzamt zahle, bremst die Expansion." Und expandieren, das will der 26-Jährige.
Inzwischen besitzt er eine Niederlassung in Kalifornien, möchte von dort den US-Markt für Lernsoftware aufrollen. Schnell bemerkte er die Unterschiede, mit denen man ihm diesseits und jenseits des Atlantiks begegnete: "An deutschen Schulen fragen mich die Lehrer schon mal höhnisch, ob ich meine erste Million schon beiseite geschafft hätte."
In Kalifornien hingegen hatte Gorin kaum gesagt, er sei Softwareunternehmer, da fand er sich vor einer Highschool-Klasse wieder, vom Lehrer vorgestellt mit den Worten: "Das ist Daniel, der will mal werden wie Bill Gates. Und wenn ihr groß seid, könnt ihr das auch."