Von Klaus Werle
Sein schwarzer Schnauzer ist stets auf exakt zwölf Millimeter gestutzt, denn Michael Gödel (50) ist ein Mann, der die Dinge ungern dem Zufall überlässt. Gödel, schlank, gut gebräunt, rahmenlose Gleitsichtbrille, mag das Organisierte, Geplante, gründlich Durchdachte. So arbeitet er als Produktionsleiter beim TV-Hersteller Loewe, so hat er es sein Leben lang privat gehalten.
Vor 20 Jahren, als er nach dem Studium der Elektrotechnik an der Bundeswehr-Universität München bei Loewe anfing, war eine gute Zeit zum Plänemachen. Sein Ziel sah Gödel so klar vor sich wie ein Schachgroßmeister das nächste Dutzend Züge: aufhören mit 58. Er kaufte eine Wohnung, die er später vermietete, er rechnete Sparpläne durch, er kaufte ein Haus. Alles ausgerichtet auf die eine Zahl, strahlend am Horizont der Zukunft: 58. Vorruhestand.
Vor ein paar Jahren, Gödel war Mitte 40, bemerkte er, dass sein Plan Risse bekam. Die Risse hießen "demografischer Wandel", "Rente mit 67", "Altersteilzeit nur noch bis Jahrgang '54". Gödel ist Jahrgang '56. "Das wäre finanziell ziemlich eng geworden." Die 58, so viel war klar, konnte Gödel knicken.
Greisenrepublik oder Land ohne Volk - so lauten zwei der apokalyptischen Schlagworte, die Deutschland seit einigen Jahren heimsuchen und die auch Michael Gödels Pläne durchkreuzten. "Dahinter steht eine weltweite, bereits Jahrzehnte andauernde Entwicklung - das Altern mit der Perspektive der Schrumpfung", formuliert wissenschaftlich nüchtern Thusnelda Tivig vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels.
Das Durchschnittsalter der Deutschen wird von heute gut 42 Jahren auf knapp 50 im Jahr 2050 ansteigen. Gleichzeitig wird die Zahl der Erwerbsfähigen überproportional schrumpfen: Von heute 50 auf dann zwischen 35 und 40 Millionen, je nach Prognose. Immer weniger Arbeitende müssen immer mehr ganz Junge und ganz Alte versorgen. Um das Missverhältnis ein wenig abzufedern, müssen wir immer länger arbeiten: Ab Jahrgang 1963 beginnt die Rente erst mit 67.