Von Henrik Müller
mm: Manche Leute fürchten sich vor einem weltweiten Absenken der Sozial-, Umwelt- und sonstigen Standards. Zu Unrecht?
Eichengreen: Natürlich gibt es Druck auf die reichen Länder. Aber: Solange wir unsere Produktivität weiter steigern, können wir uns auch höhere Standards leisten. Nehmen Sie Kalifornien, wo ich lebe: Wir sind in vielerlei Hinsicht strikter reguliert als andere Staaten, nicht zuletzt was den Umweltschutz angeht. Trotzdem verschwinden die Unternehmen nicht aus Kalifornien.
mm: Nicht wir müssen uns den Unrechtsstaaten anpassen, sondern die Globalisierung zwingt sie, freie Gesellschaften zu werden?
Eichengreen: Ja, Wettbewerb führt nicht zu einem "Race to the Bottom", sondern zu einem Ringen um höhere Produktivität. Das wird irgendwann auch in bislang autoritären Staaten passieren: Die Öffnung der Wirtschaft zwingt zu immer weiter steigender Produktivität - und das erreichen dauerhaft nur freie, humane Gesellschaften.
Die totalitäre Herausforderung
Globalisierung und Freiheit - ein Widerspruch?
Aktueller Befund: Die alte Gewissheit, dass ökonomische Öffnung politische Freiheit nach sich zieht, scheint aktuell nicht mehr zu gelten. In der derzeitigen Phase der Globalisierung gibt es jedenfalls viele dynamische Volkswirtschaften, deren autoritäre Führungen fest im Sattel sitzen. Von China über Weißrussland und Libyen bis Venezuela - rund um den Globus existiert heute ein System neuen Typs.
Langfristige Analyse: Barry Eichengreen und sein Kollege David Leblang haben den Zusammenhang zwischen Globalisierung und Demokratie für den Zeitraum 1870 bis 2000 empirisch untersucht. Ihre Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich langfristig wirtschaftliche und politische Freiheit bedingen: In historischen Phasen offener Güter- und Kapitalmärkte herrscht tendenziell auch ein relativ hohes Maß an politischer Freiheit. Die derzeitige Entwicklung wertet Barry Eichengreen im mm-Interview als Übergangsphänomen - das allerdings wohl noch einige Jahre anhalten wird.