Von Henrik Müller
mm: Herr Professor Eichengreen, autoritäre Staaten gehören heute zu den dynamischsten Volkswirtschaften der Welt. Länder wie China, Russland oder Venezuela fordern den Westen und seine Werte heraus. Drohen Demokratien zu Verlierern dieses Ringens um Wohlstand zu werden?
Barry Eichengreen
Der Mensch: Der US-Ökonom Barry Eichengreen (54) ist einer der renommiertesten Analytiker der Globalisierung. Er lehrt an der Universität Berkeley bei San Francisco.
Das Thema: In einer kürzlich veröffentlichten Studie hat Eichengreen den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und politischer Freiheit erforscht.
mm: In einer aktuellen Studie zeigen Sie, dass politische und wirtschaftliche Öffnung historisch Hand in Hand gehen. Dieser Zusammenhang scheint nicht mehr zu gelten: Russland wird undemokratischer, während es reicher wird; China wächst seit Jahren um gut 2 Prozentpunkte schneller als das demokratische Indien.
Eichengreen: Stimmt. Aber auch die indische Wirtschaft wächst mit 8 Prozent. Das ist nicht gerade ein vernichtendes Urteil für die Demokratie.
mm: 2 Prozentpunkte weniger Wachstum - ist das der Preis für zeitraubende demokratische Prozesse?
Eichengreen: Ich warne davor, die Entwicklung der vergangenen Jahre einfach in die Zukunft fortzuschreiben. Lassen Sie uns einen Moment beim Vergleich der beiden großen asiatischen Volkswirtschaften bleiben. In vielerlei Hinsicht ist Indien für die Zukunft besser gerüstet als China - dank eines stabilen Bankensystems, gut regulierter Kapitalmärkte, einer vernünftig bewerteten Währung mit flexiblem Wechselkurs, die Deregulierung der Güter- und Arbeitsmärkte ist auf gutem Weg. China hingegen hat eine potenziell überhitzte Wirtschaft mit einem schwachen Bankensystem. Es gibt viele Gründe anzunehmen, dass Chinas Wachstum in den nächsten Jahren deutlich abnehmen, während Indiens anziehen wird. Auch an diesem Beispiel zeigt sich: Demokratien haben stabilere Wirtschaftsstrukturen.
© manager magazin 7/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH