Durchaus interessant, dass in London 74 bis 83 Prozent der Patienten, bei denen ein Schlaganfall diagnostiziert wurde, innerhalb von 24 Stunden einer Computertomografie unterzogen werden - der beste Wert im ganzen Königreich. Aus medizinischer Sicht sollte dieser Wert allerdings eher bei 24 Minuten liegen.
Eine einzige öffentliche Institution trotzt dem allgemeinen Niedergang. Ihre Mitarbeiter agieren zuverlässig wie das Big-Ben-Uhrwerk und unerbittlich wie ein Ghurka-Regiment. Die Rede ist von den Traffic Wardens, einem Heer meist männlicher Elite-Politessen, das sich ausschließlich aus Exil-Nigerianern zu rekrutieren scheint. Diese Truppe macht Falschparken in London etwa so empfehlenswert wie einen spontanen Bummel durchs nächtliche Lagos.
"Da steht man mit seinem Auto ein paar Zentimeter über irgendeiner gelben Linie, und gleich kostet es 80 Pfund", ruft Claus Nehmzow und ringt in halb gespielter Verzweiflung die Hände. Der Deutsche, Partner bei der Unternehmensberatung PA Consulting, lebt seit elf Jahren in London - und würde sich am liebsten morgen versetzen lassen. "Nach Singapur zum Beispiel, in irgendeine Stadt, in der einfach alles funktioniert."
Die teuren Strafzettel verblassen schlagartig gegenüber den 15.000 Pfund pro Jahr, die Nehmzow für die Privatschulplätze seiner beiden Kinder berappen muss. Sicher, es gibt auch sehr ordentliche öffentliche Schulen in London. Doch sind Häuser in der Umgebung beliebter Schulen gleich noch einmal um einige Prozent teurer.
Strafzettel und Schulsorgen, die Hausmalaise und miese Handwerker - im Büro von PA Consulting nahe der Victoria Station beobachtet Nehmzows Kollege Earl Atkinson interessiert, wie sich der Deutsche neben ihm allmählich in Fahrt redet. Atkinson ist gebürtiger Londoner - und er ist es gern: "Ich kenne keine Stadt, in der so viele Kulturen so friedlich miteinander leben."
Lächelnd verweist er darauf, dass er von seinem Reihenhaus in Stratham lediglich eine halbe Stunde ins Büro braucht. Geht doch. Okay, die Züge würden immer voller, und die Immobilienpreise seien natürlich Wahnsinn. "Aber sie waren schon Wahnsinn, als ich 1999 meine erste Immobilie gekauft habe. Man gewöhnt sich daran."
Auffällig, dass vor allem die Zugereisten über London schimpfen. Vielleicht liegt es an den fehlenden Vergleichsmöglichkeiten der Einheimischen. Vielleicht gehört man aber auch erst dann wirklich zu dieser Metropole, wenn man das geistige Erbe aus fernen Provinzen des britischen Imperiums verinnerlicht hat. Buddhistische Gelassenheit und hinduistischen Fatalismus zeigt der echte Londoner, wenn in der großartigsten Stadt des Universums mal wieder die Bahn ausfällt und der Lautsprecher verkündet, das läge am nassen Laub auf den Schienen.