Das Auto? Keine Alternative. Deutsche-Bank-Vorstand Hermann-Josef Lamberti verpasste angeblich einmal eine wichtige Sitzung in der City, weil er sich als einziger Teilnehmer statusgerecht vom Chauffeur am Flughafen Stansted hatte abholen lassen - und dann stundenlang im Stau stand. Alle anderen Teilnehmer hatten den Zug in die City gewählt.
Selbst Ex-Außenminister Robin Cook wurde noch wenige Tage vor seinem Tod in der Tube gesehen. Wobei sich der kausale Zusammenhang nicht endgültig belegen lässt.
Nicht nur in der U-Bahn gilt: Ohne Geld ist man in London ein Niemand. Mit Geld ist man in London ein Niemand mit Geld. Wer es zum Beispiel schafft, auf die Gästeliste eines angesagten Londoner Nachtlokals zu gelangen, des "Cuckoo Club" zum Beispiel, der wird ernüchtert feststellen: Der eigene Name auf der Liste berechtigt nicht etwa zum sofortigen Eintritt, sondern lediglich dazu, sich zu den anderen frierenden Semi Important Persons in die lange Schlange vor dem Eingang zu gesellen.
Einmal im Club angelangt, wird der Gast gleich mit einer weiteren originellen Volte des Londoner Nachtlebens vertraut gemacht: Mindestverzehr 30 Pfund für Herren, 20 Pfund für Damen. Nein, nicht pro Abend. Pro Bestellung.
Noch nicht einmal dem gefürchteten Gesundheitsdienst NHS können gut verdienende Manager ohne Weiteres entkommen. Holger Schmieding zum Beispiel, europäischer Chefvolkswirt der Bank of America mit Dienstsitz in London, besitzt zwar eine der üblichen Zusatzversicherungen des Arbeitgebers. Doch auch diese Policen sehen als erste Anlaufstelle meist den General Practitioner vor, den nach Wohnort zugeordneten Hausarzt des staatlichen Gesundheitsdienstes. Mit etwas Glück spricht der sogar eine Sprache, die sich als Englisch identifizieren lässt.
Selbst bei gutem Gehalt lassen sich also die Unbilden der Metropole nicht aus dem eigenen Leben aussperren. Stattdessen entwickeln die Londoner ausgeklügelte Vermeidungsstrategien: Wenn Schmieding am späten Nachmittag seinen Arbeitsplatz im Finanzzentrum Canary Wharf verlässt, fährt er zunächst zwei Stationen mit der U-Bahn bis London Bridge. Dort beginnt der 49-Jährige einen strammen Fußmarsch am Themseufer entlang und steigt erst 45 Minuten später in Vauxhall in den Vorortzug, der ihn heimbringt zur Familie und zum gemieteten Häuschen in Richmond (fünf Zimmer, 3700 Pfund Monatsmiete, bescheidene Bauqualität, Schmieding: "ein Schnäppchen").
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