Von Martin Noé und Ursula Schwarzer
In einer Branche, in der allein Einfluss zählt, ist der Tag gekommen, an dem keiner mehr Einfluss gehabt haben will. Christoph Walther (51), einer der bekanntesten Medienberater Deutschlands, hält es nicht auf seinem Stuhl. Er redet bei einem Redaktionsbesuch zwei Stunden lang, er springt auf, setzt sich wieder, er schmeichelt, argumentiert. Alles nur aus einem Grund: Walther will mit dem zu dieser Zeit größten Medienspektakel wenig zu tun gehabt haben. Siemens
, das sei eigentlich nicht sein Ding gewesen.
Dabei zählte Walther zu den Souffleuren im Theater am Wittelsbacher Platz. Sein Pech: Die Aufführung ging daneben. Sein Mandant, Siemens-Chef Klaus Kleinfeld (49), reichte die Demission ein. Der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich v. Pierer (66), beraten von seinem langjährigen PR-Chef Eberhard Posner (60), musste schon vorher das Feld räumen. Auch der offizielle Konzernsprecher von Siemens, Janos Gönczöl (49), warf hin.
Die eigens engagierten Mediengurus, die für etliche Siemens-Vorstände und Aufsichtsräte arbeiteten, hatten für die Kakophonie in der Öffentlichkeit gesorgt. Die Folge: ein Kommunikationsdebakel, wie es die deutsche Wirtschaft selten erlebt hat. Zurück bleibt ein schwer geschädigtes Unternehmen.
Die Hauptakteure des starken Stücks zählen zu den renommiertesten Managern hierzulande. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme (64) ist darunter, der Chef der Deutschen Bank
, Josef Ackermann (59), gehört dazu. Sie alle haben ihre eigenen Sprachrohre. Und diese lancieren Meldungen, werfen Nebelkerzen, testen Stimmungen, füttern Zeitungen und Magazine mit Exklusiv- und Falschmeldungen, um den eigenen Mann ins strahlende Licht zu rücken und den Rivalen zu diskreditieren.
Nicht alles war falsch. V. Pierer ging tatsächlich, "Bild" meldete es vorzeitig. Verbunden mit einem so freundlichen Nachruf, dass man auf die Idee kommen könnte, v. Pierer selbst habe für die Verbreitung der Nachricht gesorgt. Wolfgang Reitzle (58) wurde tatsächlich angesprochen, ob er nicht Siemens-Chef werden wolle, wie von der "Financial Times Deutschland" berichtet. Dass die Personalie vorzeitig an die Öffentlichkeit drang, war einer Kommunikationsstafette zu verdanken: Cromme - Ex-Siemens-Aufseher Karl-Hermann Baumann - Kleinfeld - Bayerische Staatskanzlei.
Aber dass Klaus Kleinfeld nun nach v. Pierers Rücktritt der Triumphator sei, wie von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und "Capital" verbreitet, stellte sich schnell als falsch heraus. Kleinfeld kündigte seinen Rücktritt an, das Kölner Wirtschaftsmagazin schrieb, er habe gerade seinen neuen Fünf-Jahres-Vertrag unterzeichnet.