Von Peter Brors, Michael Freitag und Dietmar Student
Als das Chrysler-Geschäft perfekt ist, erhält Schrempp massenweise Gratulationsschreiben. Eines aus den Vereinigten Staaten, von Jack Welch, ist ihm besonders wichtig. Der legendäre Vormann von General Electric gratuliert zu einem "bahnbrechenden Abschluss".
Ein Daimler-Aufsichtsrat formuliert es so: "Schrempp war aufgestiegen zu einer grandiosen Managementfigur." Er hielt Vorträge über Fusionen und die Welt AG, war dem Himmel plötzlich sehr nahe. "So hat er sich feiern lassen als Super-Macher."
Bei Daimler macht sich nach dem Chrysler-Deal eine Wir-können-alles-Stimmung breit. Eine Weltarroganz, die den Schluss nahelegt, die Car Guys aus Möhringen hätten eine intelligente Lösung für das CO2-Problem gefunden: einen Hybridmotor, der zur Hälfte mit Testosteron läuft.
Just in diesen Tagen nun holt die Vergangenheit die Tagträumereien der Herren Reuter und Schrempp wieder ein. Chrysler steht zum Verkauf, und in Nürnberg schließt das einstige AEG-Stammwerk für immer seine Pforten.
II. Die Geldvernichtung
Joachim Zahn hatte das Geldhorten in den 70er Jahren zum obersten Ziel der Daimler-Finanzer gemacht. Die Philosophie des damaligen Vorstandschefs: Es müsse stets genug Geld in der Kasse sein, um den Totalausfall einer von damals zwei Mercedes-Baureihen problemlos verkraften zu können. Rund 15 Milliarden Mark seien notwendig, schätzte Zahn. Mindestens.
So reich war die Daimler-Benz AG, dass etwa 1983 das Zinsergebnis allein für eine Umsatzrendite von 3,3 Prozent genügte - und damit für eine höhere Marge als 2006 das gesamte Konzernergebnis vor Steuern.
So meisterhaft versteckten die Stuttgarter ihre Gewinne, dass Mitte der 80er Jahre nur die Höhe der Steuern einigermaßen verlässlich die Ertragskraft verriet. In der Steuerbilanz konnten die Buchhalter nicht so tricksen wie im nach Handelsrecht erstellten Konzernabschluss. Die Folge: Die Steuern waren zum Teil dreimal so hoch wie der Jahresüberschuss - ein sicheres Zeichen dafür, dass unsichtbare Milliarden auf die Daimler-Konten gehäuft worden waren.
So solide stand der Autokonzern da, dass er auch die Jahre der großen Kapitalvernichter Reuter und Schrempp überstehen sollte. Zusammen zwischen 100 und 120 Milliarden Euro hätten die beiden vergeudet, rechnen Daimler-Aufsichtsräte vor. Mehr als eine grobe Kalkulation ist vor allem für die Reuter-Jahre nicht möglich. Aber die Fehlinvestitionen - Gewinne, Verluste und Wiederverkaufswerte eingerechnet - addieren sich auf rund 60 Milliarden Euro.
Hätte ein Anleger zu Reuters Amtsantritt 10.000 Euro in Daimler-Aktien investiert, wären die Papiere zum Ende der Ära Schrempp nur noch rund 8800 Euro wert gewesen. Zum Vergleich: Bei einem Investment in BMW-Aktien wären aus der Anlage fast 40.000 Euro geworden.
Dabei wies der Konzern bis zu Schrempps Amtsübernahme nicht einmal einen Verlust aus. Ein bisschen Bilanzakrobatik hier, ein Griff in die Schatulle mit dem Zahngold, solide Erträge aus dem Autogeschäft als Ausgleich; schon stand wieder ein Jahresüberschuss in der Bilanz, über den sich mancher Konkurrent gefreut hätte.
Wie groß der Spielraum in der Bilanz war, zeigte sich etwa 1989, als Reuter kurzerhand die Bilanzierungsregeln änderte. Schon schnellte die Eigenkapitalquote von 21,8 auf solide 27,0 Prozent nach oben. Unter anderem ließ der Vorstandschef die Pensionsrückstellungen neu kalkulieren. Er setzte den Zinsfuß von sehr vorsichtigen 3,5 Prozent auf 6 Prozent hoch. Allein das brachte einen Gewinnanstieg um 4,9 Milliarden Mark.
1993 plünderte Reuter die Konten zwecks Verlustausgleichs so arg, dass sich die "Börsen-Zeitung" zu einem verzweifelten "Tiefer geht's einfach nicht" hinreißen ließ. Sie sollte sich irren.