Von Klaus Ahrens
Wer in diesem Herbst als Besucher durch die Kohlenwäsche der alten Zeche Zollverein in Essen flanierte, konnte dort ein blaues Wunder erleben. Wie ein Traum aus Tausendundeiner Nacht schwebte in einer der Hallen ein zweimannshohes textiles Ding von fülliger Birnenform, durchzogen von Kabeln, an deren Enden Leuchtkörper das Ganze in romantisches Blaulicht tauchten. Auf einer Seite des Gebildes öffnete sich ein weiter Spalt, aus dem es hell leuchtete. Die Tür.
Denn bei dem strahlenden Balg handelte es sich durchaus um ein Gebäude - wenn auch um eines, das aus der Zukunft in die Gegenwart gereist zu sein schien. Unabhängig von Stromzufuhr und Computersteuerung soll das Gebilde sich selbst versorgen und mitdenken, soll sich die ultraleichte Hülle wie eine lebende Haut wechselnden Klimabedingungen anpassen.
So jedenfalls beschreiben Marco Hemmerling und Markus Holzbach vom Kölner Architektur- und Designbüro Formorf die Funktion der Gebäudehülle. Gedacht ist sie für "Krisengebiete, wo sie einen optimalen Witterungs- und Klimaschutz" bieten soll. Und die werden, folgt man den täglichen Nachrichten, immer mehr.
Ein weiteres Wunder erwartete den Besucher nur ein paar Schritte weiter. Hier hatte der Gestalter Chris Bosse, 1971 in Stuttgart geboren und jetzt beauftragt mit dem Bau der Watercube-Schwimmhalle für die Olympischen Spiele in Peking, einen Genetic Pavilion abgestellt. Ein Gebilde aus weichem, sehr flexiblem Kunststoffgewebe, das nur 17 Kilo wiegt, in vierwöchiger Produktionszeit von professionellen Segelmachern gefertigt wurde und zusammengelegt in eine größere Reisetasche passt. Auch etwas für Nomaden.
"Wie werden wir morgen leben? In welchen Häusern? Mit welchen Möbeln? Und wie sehen die Produkte der Zukunft aus?" Diese Fragen bewegten bis Anfang des Monats das Gestalter-Event "Entry" in der vom Stararchitekten Rem Koolhaas frisch renovierten Kohlenwäsche auf der Essener Vorzeige-Zeche. Die Trendschau unter Schirmherrschaft des Bundesverbandes der Deutschen Industrie lieferte neue Materialien für Möbel und Mode, präsentierte Architekturprojekte sowie Vorstöße ins BANG-Design - wobei BANG für Bits, Atome, Neuronen und Gene steht - als Antworten.