08.01.2007
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Marketing 2.0

Klicken statt Glotzen

Von Christian Rickens

4. Teil: Billiger, aber auch schwieriger

"Es gibt nach wie vor keinen effektiveren Weg als einen TV-Spot, um schnell ein Millionenpublikum mit seinen Werbebotschaften zu erreichen", sagt Dirk Kedrowitsch, Geschäftsführer der Multimedia-Agentur Elephant Seven in Hamburg. "Aber in Zukunft wird Fernsehwerbung nicht mehr automatisch den Ton einer Kampagne vorgeben. Die einzelnen Marketinginstrumente werden gleichberechtigt zusammenspielen müssen, um erfolgreich zu sein."

Für mm 11/2006 S.193 In Zukunft wird das Fernsehen nicht mehr automatisch den Ton einer Kampagne vorgeben" Dirk Kedrowitsch, Werber Dieses neue Werbedogma gilt nicht nur für ausgesprochene Jugend- oder Trendmarken wie Adidas. So verwandte BMW Chart zeigen bei der Markteinführung des 1er-Modells lediglich rund 60 Prozent des Werbebudgets auf klassische Medien wie Fernsehen, Zeitschriften oder Plakate. Der Rest floss vor allem ins Internet.

Der Run auf die Online-Werbung bedeutet mehr als nur eine Verschiebung zwischen Werbeträgern. Er wird die Arbeitsweise der Marketingabteilungen grundlegend verändern. Nun ist es nicht mehr damit getan, einmal einen Spot zu produzieren und ihn mithilfe eines üppigen Mediabudgets auf alle Bildschirme zu bringen. Marketing wird gleichzeitig billiger - und schwieriger.

Billiger, weil ein Online-Werbespot die Zielgruppe im besten Fall gratis erreicht: Die Nutzer empfehlen sich diesen untereinander weiter. BMW hat zum Beispiel eine Reihe von Kurzfilmchen produziert, in denen etwa der Chef der BMW-Motorenentwicklung (er ist so telegen, wie seine Berufsbezeichnung vermuten lässt) drei Minuten lang über den neuen Reihen-Sechszylinder spricht.

BMW
Fans im Dienst der Marke

Viral statt frontal: Keine andere Automarke nutzt das Web 2.0 als Marketingkanal so intensiv wie BMW. So stellt die Automarke eigene Inhalte gratis auf ihren Websites bereit und setzt darauf, dass sie sich "viral" im Internet weiterverbreiten. Zum Beispiel Interviews mit BMW-Managern. Oder Online-Hörbücher, denen man per MP3-Player im Auto lauschen kann; bekannte US-Thrillerautoren haben die Romanvorlagen eigens für BMW verfasst. In welcher Form sie die Automarke in ihrem Werk vorkommen lassen, blieb ihnen überlassen.

Innovieren statt reagieren: Im Frühjahr will BMW zwei Online-Communities ins Leben rufen, die ihren Mitgliedern nicht nur den Austausch untereinander ermöglichen, sondern auch den direkten Kontakt zu BMW-Vertretern. In einer Community sollen sich die Fahrer der sportlichen M-Modelle zusammenfinden, in der anderen die Fans von wasserstoffgetriebenen BMWs. "Die M-Fahrer gehören zu den größten Fans unserer Marke", sagt BMW-Markenchef Torsten Müller-Ötvös. "Wir bieten ihnen die Möglichkeit zum intensiven Dialog, sei es etwa zu neuen Produkten oder zu Fahrertrainings."
Unglaubliche 2,5 Millionen Mal wurden diese schlichten Clips von einer BMW-Website oder von Videoplattformen im Internet abgerufen, unzählige weitere Male von Nutzern weiterverbreitet. Produktionskosten aller 37 Filme: 40.000 Euro. Mediabudget: keines.

Solche sogenannten viralen Werbeformen sind nicht nur billig, sondern auch effektiv: Sie erreichen punktgenau jene Nutzer, die sich tatsächlich für Motorentechnik und teure Autos begeistern. Während beim Fernsehen niemand so genau weiß, ob sich die Kernzielgruppe während des BMW-Spots nicht gerade ein Bier aus dem Kühlschrank holt.

Aber Marketing wird auch komplizierter. Die Markenverantwortlichen müssen einen Kontrollverlust in Kauf nehmen. Sie können nicht mehr bestimmen, welche Werbebotschaften welcher Kunde wann mit welcher Intensität sieht. Der Nutzer ruft die Werbung schließlich selbst ab. Bisweilen gestaltet oder verfremdet er sie sogar nach eigenen Vorstellungen. Oder er lässt es eben bleiben.

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