Von Klaus Werle
Grau ist der Himmel, rau sind die Wellen, als Dieter Wagner in das knallrote Schlauchboot klettert. Fünf Kilometer müssen er und seine Kollegen quer über den Vierwaldstättersee paddeln, bis zur "Seesperre Nas". Früher gab es dort Geschütze, Panzerbarrikaden, Sprengfallen, bewaffnete Patrouillenboote. Heute werden in der alten Uferbatterie Soldaten der Schweizer Armee ausgebildet - aber auch Manager wie die gut 20 Europtec-Führungskräfte, die dort einen "Leadership-Kurs" gebucht haben.
Im Bunker, unter meterdickem Beton, 30 Meter tief im Fels, geht schnell das Zeitgefühl verloren. Das trifft sich gut, denn in den nächsten anderthalb Tagen lebt Wagner nicht mehr im Jahr 2006. Er ist auch nicht mehr Geschäftsführer am Standort Goslar der Europtec-Gruppe, Hersteller optischer Beschichtungen für Spezialgläser in Kopierern und Flachbildschirmen.
Hier unten wird die Zeit zurückgedreht auf den 27. Juni 1976, den Tag, an dem Flug Air France 139 von Tel Aviv nach Paris gekapert und mit rund 250 Geiseln ins ugandische Entebbe entführt wurde. Das bedeutet nichts Gutes für Dieter Wagner, denn Wagner wurde soeben in den Krisenstab berufen.
In den kommenden 36 Stunden werden er und seine Kollegen kaum drei Stunden schlafen. Sie müssen Informationen sammeln, Lagebeurteilungen schreiben, Einsatzkräfte koordinieren, Pressekonferenzen geben.
"Die Aufgabe ist in der gegebenen Zeit nicht zu lösen, so entsteht starker Stress", sagt Wagner, "man ist gezwungen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen." Seminarleiter Oberst Roberto Bracchi sagt: "Es geht um das Systematisieren von Problemlösungen, um Handeln unter dem Druck unvorhersehbarer Ereignisse. Kurz: um das Handwerkszeug eines Managers."
© manager magazin 10/2006
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