Von Henrik Müller
Ob es sich bei der heutigen Welle tatsächlich um eine permanente Emigration handelt, ist derzeit noch offen. Viele gehen mit unklarer Perspektive. Sie probieren das Ausland mal aus. Fassen sie dort Fuß, bleiben sie, vielleicht für immer. Erscheint ihnen Deutschland plötzlich wieder attraktiver, kommen sie womöglich zurück. Kein Thema.
"Wir", sagt Christian Wolf (35), "gehen völlig schmerzfrei an die Sache ran. Wir geben uns zwei, drei Jahre. Dann überlegen wir noch mal, ob wir dableiben wollen." Gerade sind Wolf und seine Frau dabei, fast alles Materielle zu verkaufen, das man so mit sich herumschleppt durch seine deutsche Existenz: Eigentumswohnung, Einrichtung, Autos. Was sie mitnehmen nach Australien, soll, der Kosten wegen, in einen halben Container passen - die andere Hälfte füllt eine bayerische Familie, die sie über das Internet kennen gelernt haben und die ebenfalls im September ans andere Ende der Welt zieht.
Seinen Job in München hat der E-Technik-Ingenieur gekündigt. Dass er in Australien noch keine neue Stelle hat, beunruhigt ihn überhaupt nicht: "Da herrscht Vollbeschäftigung."
Es sind keine akuten materiellen oder beruflichen Sorgen, die Wolf in die Ferne ziehen. Eher der lockerere Lifestyle dort, das gute Wetter, die offenere Atmosphäre, die Freundlichkeit der Leute: "Jeder, der von da zurückkommt, hat ein breites Grinsen im Gesicht." Für Wolf ist es ein "Traum". Einfach mal was anderes machen. Aber auch weg von Regen, schlechter Laune und Reformstau.
Es treibt ihn nicht fort - aber viel hält ihn auch nicht hier. Schon gar nicht die Politik. "In Australien haben sie all das durchgesetzt, was hier auch nötig wäre, was aber garantiert nie kommt", sagt er. Dann zählt er auf: Gesundheitssystem steuerfinanziert, Kündigungsschutz abgeschafft, Steuersenkungen angekündigt ... Auch deshalb glaubt er, dass Australien eine bessere Zukunft blüht als Deutschland.
Welchen Wohnort man wählt - in Zeiten der Globalisierung ist das eben auch eine Frage des Vertrauens.