Von Klaus Werle
Gerade deshalb ist es entscheidend, Machttaktiken zu durchschauen, sich bewusst zu werden, dass es sie gibt und dass sie angewandt werden, jeden Tag, in jedem Unternehmen. Als Coach für Vorstände und Geschäftsführer begleitet Wolff oft Umstrukturierungen und Strategieprozesse.
"Diese sind immer sachrational aufgesetzt. Wenn es aber um die Folgen geht, sind schnell vitale Machtfragen berührt, und der Umgang der Protagonisten kann sich schlagartig ändern." Damit sind viele, gerade jüngere Topmanager überfordert.
"Diese Generation wurde sehr team- und konsensorientiert erzogen", sagt Wolff, "im Umgang mit direkter Macht ist sie oft unsicher." Da traut sich dann der Vorstandsvorsitzende eines Logistikkonzerns, der über Investitionen in Milliardenhöhe entscheidet, nicht, enge Mitarbeiter zu maßregeln oder unfähige Manager zu entlassen.
"Wer große Organisationen führt, sollte zwischen verantwortlichem Machtgebrauch und Machtmissbrauch unterscheiden können", so Wolff. "Machtvermeidung beschert den Unternehmen viele unnötige Konfliktherde und Probleme."
Dies gilt für Firmen, aber erst recht für jeden Einzelnen: Wer immer fleißig und zurückhaltend alle Aufgaben erledigt, läuft als fleischgewordenes Helfersyndrom Gefahr, von feisten Ellbogenkarrieristen ausgebeutet zu werden. Bei Beförderungen wird er übergangen - der Chef wäre schön blöd, seine beste Arbeitsbiene ziehen zu lassen.
Ein wenig Machtbewusstsein, Rückgrat und Biss können also nicht schaden. "Positive Aggression", nennt Kriminologe Weidner das. Sein Erfolgsprofil für Führungskräfte: "80 Prozent Gutmensch, 20 Prozent Mephisto." Sozialverträglich, aber durchsetzungsstark.
Klingt ganz einfach, doch den meisten Menschen, auch Topmanagern, fallen die diabolischen 20 Prozent am schwersten. Utz Claassen hat das längst erkannt - und erfolgreich beherzigt: "Ein Image als Rambo muss man sich verdienen, ein Image als Bambi bekommt man geschenkt."