Es war die Begegnung zweier Welten. Auf der einen Seite Klaus Gehrig, Chef der Schwarz-Stiftung, Herr über 7000 Lidl- und Kaufland-Filialen in 19 Ländern, Gebieter über 150.000 Mitarbeiter und engster Vertrauter des Lidl-Gründers Dieter Schwarz.
Auf der anderen Seite Jutta Sundermann, 34 Jahre, Mutter von zwei Kindern, wohnhaft in Wolfenbüttel, Aktivistin beim globalisierungskritischen Netzwerk Attac und überzeugte Veganerin; sie isst kein Fleisch und bestellt ihre Pizza ohne Käse.
Bereits der Ort des Treffens war für Gehrig gewöhnungsbedürftig: das Frankfurter Büro der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken, ein linksalternatives Geldinstitut. "Leihen und Schenken - und das soll funktionieren?", fragte der Kaufmann zu Beginn des Gesprächs skeptisch.
Doch dann lauschte er recht geduldig zwei Stunden lang den Attac-Forderungen: mehr Auskünfte zur Herkunft der Lidl-Artikel, fairer Umgang mit Lieferanten, bessere Behandlung der Mitarbeiter, größere finanzielle Transparenz der Schwarz-Gruppe.
Normalerweise gehört Lidl zu den verschlossensten Unternehmen überhaupt. Mit der Außenwelt kommunizieren Lidl-Manager vor allem, wenn Lieferanten im Preis gedrückt werden sollen. Treffen mit Veganerinnen aus Wolfenbüttel gehören nicht zum üblichen Repertoire.
Der Gipfel von Frankfurt zeigt, wie tief sich die Lidl-Führung getroffen fühlt durch eine hier zu Lande beispiellose Kampagne gegen ihr Unternehmen. Gewerkschafter, Globalisierungskritiker, Bauernverbände und Umweltschützer - seit einem Jahr protestieren die unterschiedlichsten Vereinigungen gegen die Geschäftspraktiken des Handelskonzerns. Dabei zeigen die Gruppen ein hohes Maß an Abstimmung untereinander. Vor allem zwei Organisationen spielen sich in Sachen Lidl die Bälle zu: Attac und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.
Für Verdi ist die Kampagne ein wichtiges Experiment. Erstmals greifen Gewerkschafter im engen Bündnis mit anderen gesellschaftlichen Gruppen systematisch einen Konzern an, der nicht mit Gewerkschaften kooperiert und in dessen Filialen es kaum Betriebsräte gibt. Beides will Verdi ändern.
Die Methoden, mit denen die Arbeitnehmerorganisation dieses Ziel verfolgt, geben einen Einblick in die Gewerkschaftsarbeit von morgen. Sinkende Mitgliederzahlen und neue gewerkschaftsresistente Arbeitgeber im Dienstleistungsbereich treiben Verdi zu den ungewohnten Protest- und Bündnisformen. Lidl soll nur der Anfang sein. Schon haben die Gewerkschafter neue Angriffsziele ausgemacht.