Einen Großteil seiner Freizeit widmet Chibesakunda der Pflege eines weltweiten Netzwerks aus Freunden und Kollegen. Im vergangenen Jahr war er auf Hochzeiten in Japan und Indien zu Gast und besuchte die Familie seines Vaters in Sambia. Chibesakunda ist Single - aber guten Mutes: "Irgendwann werde ich eine Partnerin finden, die mich liebt und meinen Lebensstil unterstützt."
Rund 9 Prozent der Deutschen ticken so ähnlich wie Chibesakunda. Für die modernen Performer besteht das Leben in der globalisierten Welt aus lauter Möglichkeiten, beruflich wie privat. Aus immer neuen Grenzen, die sie lustvoll durchbrechen. Schneller, höher, weiter.
In einem deregulierten Deutschland sind die modernen Performer die Gewinner. Sie rücken in die Mitte der Gesellschaft. Ihr Lebensstil wird zum neuen Mainstream, dem die Angehörigen anderer Milieus, so gut es geht, nacheifern. Weshalb wiederum die Politik den Bedürfnissen der modernen Performer besonders stark zu entsprechen versucht. Wodurch es nochmals attraktiver wird, diesem Milieu anzugehören - und so weiter.
Nur ein Szenario? Es spricht vieles dafür, dass die Ablösung der alten Mitte bereits begonnen hat. Alle Debatten über Bürgerversicherung versus Kopfpauschale oder ähnliche Detailfragen können letztlich nicht darüber hinwegtäuschen: Spätestens seit der Jahrtausendwende kennen Sozial-, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik in Deutschland nur noch eine Richtung: immer weniger Umverteilung von oben nach unten. Immer weniger Sozialleistungen, die über eine Grundabsicherung hinausgehen.
Dabei geht es langfristig noch nicht einmal darum, wie viel Staat sich die Deutschen wünschen, sondern wie viel Staat sie sich leisten können, ohne eine globalisierte Wirtschaftselite mitsamt ihrem Kapital außer Landes zu treiben. So gesehen, lässt sich die aktuelle deutsche Debatte über die Rückkehr zu Familie und traditionellen Werten auch als Chiffre lesen: Sie umschreibt die Angst der Gesellschaft vor der ihr bevorstehenden Veränderung.
Denn ein Deutschland, in dem Chibesakunda und seinesgleichen den Ton angeben, wäre vielleicht wirtschaftlich erfolgreicher als die alte Republik der bürgerlichen Mitte. Doch unter dem Regiment der modernen Performer ginge den Deutschen auch vieles verloren. Chibesakunda wird wahrscheinlich niemals eine Handballspielgemeinschaft leiten. Und es muss noch einiges passieren, damit er zwei Kinder großzieht.
Wie aber werden die Deutschen in einer Gesellschaft leben, in der nicht mehr der Familienvater in Uslar das Maß aller politischen Dinge ist, sondern der allein stehende Unternehmensberater in München? In der es nicht mehr nur eine obere und eine untere Mittelschicht gibt, sondern wieder ein Oben und ein Unten?
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