Von Klaus Werle
Die große Freiheit kommt mit einer halben Stunde Verspätung. An diesem Mittwoch im November 2004 hebt die Maschine erst kurz nach 23 Uhr vom Frankfurter Flughafen Richtung Kapstadt ab, die erste Station von Andreas Glemsers Weltreise. Der Unternehmer schaut aus dem Fenster; dort unten müsste bald Stuttgart kommen, daneben Leinfelden-Echterdingen und das Gebäude seiner Firma Cocomin, in dem die Mitarbeiter morgen wieder arbeiten, während er am Strand in Südafrika Wale beobachtet.
Keine fünf Stunden ist es her, da hat Glemser schriftlich und im Beisein seines Notars erklärt, dass er verrückt ist. Genau genommen handelte es sich um eine umfassende Vollmacht für seinen Stellvertreter bei Cocomin, aber Vollmacht oder Selbsteinweisung in die Psychiatrie laufe in seinem Fall aufs Gleiche hinaus, meinten Geschäftsfreunde.
Mit Ehefrau Anja und den Söhnen Alec-Lennart (6) und Alan-Lou (2) tourt Glemser (39) drei Monate durch Südafrika, Australien, Tahiti, Las Vegas, San Francisco. Ohne Mailempfang, Fax oder Handy. Glemsers Firma Cocomin, vor sieben Jahren gegründet, 50 Mitarbeiter, knapp sechs Millionen Euro Umsatz, muss ohne ihn zurechtkommen.
Was Glemser vorhat, gilt als Alptraum jedes Mittelständlers. Unternehmer, erfolgreiche zumal, sagen: Ich schmeiße doch den ganzen Laden. Ohne mich fährt die Firma an die Wand. Ein Credo, das in krassem Widerspruch zum Alltagsgeschäft von Cocomin ("Corporate Communication International") steht.
Die Firma ist spezialisiert auf Training und Coaching der Vertriebsmitarbeiter großer Finanzdienstleister; Citibank
, MLP
, Deutsche Bank
sind unter den Kunden, knapp 3000 Trainingstage werden jährlich abgerechnet. Vertraut euren Mitarbeitern, gebt ihnen mehr Verantwortung! Solche Sätze bimsen Glemsers Trainer den Führungskräften ein. "Ich wollte auch am Beispiel der eigenen Firma demonstrieren, dass das Prinzip Vertrauen funktioniert", sagt Glemser heute. Die Firma sollte lernen, ohne ihren Chef zu leben.