Von Wolfgang Hirn und Ursula Schwarzer
Einen solch imposanten Staatsbesuch hat die Volksrepublik China selten erlebt. Mit einem Tross von rund 450 Personen flog Brasiliens Staatspräsident Lula im Mai vergangenen Jahres nach Peking. Zu seiner Entourage gehörten mehrere Kabinettsmitglieder, fast alle Gouverneure der Bundesstaaten und viele Topmanager.
Chinas Führung empfing die Gäste mit Ehrengarde und hofierte sie bei pompösen Banketts. Geschenke, Nettigkeiten und Meinungen wurden ausgetauscht - und 15 umfangreiche Vertragspakete unterzeichnet.
Den Worten und Vereinbarungen folgten Taten: Die Chinesen investieren seither Milliarden Dollar in Brasiliens Infrastruktur. Der Handel zwischen beiden Nationen floriert.
Eine Allianz Brasilien-China bildet sich. Und es ist nicht die einzige Achse, die derzeit zwischen aufstrebenden Mächten abseits der alten Führungsnationen geschmiedet wird.
Die Folge ist eine dramatische Verschiebung in der globalen Wirtschaft. Es entsteht eine "neue Geografie des Welthandels", wie es Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ausdrückt.
Der diplomatische Altmeister Henry Kissinger sieht den historischen Kontext: "Die Welt als Ganzes ist heute so sehr in Bewegung wie schon seit Jahrhunderten nicht mehr."
Früher gab es eine klare Trennungslinie: hier der reiche Norden, dort der arme Süden. Diese Aufteilung gilt nicht mehr. Die großen Staaten des Südens werden wirtschaftlich immer stärker. Sie emanzipieren sich vom bislang dominierenden Norden, und - das ist ein Novum - sie solidarisieren sich in bisher nicht gekannter Intensität.
Die wirtschaftlichen Aufsteiger verlangen auch politische Mitbestimmung. Ob im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen oder dem elitären Industriestaaten-Club der G8 - sie fordern Zutritt. Angeführt wird die Bewegung von Brasilien, China und Indien. Das Trio glänzt mit exzellenten Wachstumsraten zwischen 5 und 9 Prozent.
© manager magazin 5/2005
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