Leicht ist der Weg aus der Stressfalle nicht. Denn ursprünglich sind Stressreaktionen nützliche, geradezu lebensrettende Schutzmaßnahmen, weit verbreitet in der Natur. Sie helfen Menschen - wie allen Wirbeltieren -, bedrohliche Situationen zu überleben. In früheren Zeiten waren das zum Beispiel Angriffe von wilden Tieren; heutzutage sind es immer öfter Konflikte und Ängste in der Arbeitswelt.
Die Wirkung setzt nach Sekundenbruchteilen ein: Die Nebennieren schütten massiv Adrenalin und andere Stresshormone aus, sobald die unwillkürlichen ("vegetativen") Anteile des Zentralnervensystems Alarmsignale senden - und lange bevor das Bewusstsein das reale Potenzial einer Gefahrensituation analysiert hat.
Die Botenstoffe im Blut bewirken, dass das Herz schneller und kräftiger schlägt. Der Blutdruck steigt, was die Versorgung des Organismus mit Sauerstoff und Nährstoffen kurzfristig verbessert; die Pupillen weiten sich - um das Sehvermögen im Dunkeln zu erhöhen. Mit diesen radikalen Umstellungen war zum Beispiel der Steinzeitmensch körperlich, geistig und seelisch gerüstet für Bärenattacken und ähnliche Extremsituationen.
Die Stressreaktionen auf die Außensignale laufen schnell, effektiv und zuverlässig ab - allerdings unreflektiert und nicht willentlich beeinflussbar. Sie funktionieren genauso zwangsläufig bei "Fehlalarmen" - wenn etwa kein brüllender Grizzly im Büro steht, sondern der Vorgesetzte, dem ein Projektkonzept, eine Kalkulation oder sonst ein Arbeitsprodukt missfällt. Jedes Mal reagiert der Mensch mit seinem archaischen Stressprogramm.
Was für einen Urmenschen, der einer wild gewordenen Auerochsen-Herde in den Weg geraten war, noch lebensrettend gewesen sein mag: Im Zeitalter ausgeklügelter Managementkonzepte und gruppendynamischer Teambesprechungen richten Adrenalin & Co. auf Dauer eher Schaden an. Zumal ihre Wirkungen bei chronischen Belastungen durch ein zweites Stresshormon verstärkt werden: Cortisol schwächt zusätzlich das Immunsystem und baut eine Region im Gehirn um (den "Hippocampus"), die entscheidend mitwirkt beim Lernen und Erinnern.
Lachse sind das Paradebeispiel für den Segen - und die verheerende Wirkung des Cortisols: Während ihrer Wanderung aus dem Ozean zu den Laichgründen in entlegenen Quellbächlein erhöhen hohe Spiegel des Stresshormons im Blut die Ausdauer der Raubfische. Wochenlang überspringen die Lachse meterhohe Stromschnellen, durchqueren Strudel, Wirbel und überwinden zahllose andere Hindernisse - ohne viel zu essen, ohne viel zu schlafen, ohne längere Pausen.
Am Ende ihrer langen Reise sind die Lachse jedoch verschlissen. Ihr Verdauungstrakt ist verkümmert, das Cortisol lässt ihr Immunsystem versagen. Die Tiere laichen, die meisten verenden. Menschen unter Dauerstress ergeht es wie den Lachsen. Sie haben zu viel Cortisol im Blut - und können froh sein, wenn sie von der modernen Medizin oder Psychotherapie aufgefangen werden.