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03.12.2004
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Arbeitsmarkt

Streiten lernen

Von Henrik Müller

5. Teil: Marktwirtschaft - zu Ende gedacht

Ökonomen sehen dies als den größten Vorteil des dezentralen britischen Arbeitsmarktes: Jeder Betrieb kann nach seiner Leistungsfähigkeit zahlen und spart sich so womöglich Entlassungen, die bei zu hohen branchenweiten Tarifabschlüssen nötig würden. Andererseits sorgen die großen Lohnunterschiede dafür, dass hochproduktive Firmen deutlich mehr zahlen und fähige Leute anlocken können.

  Gelehrige Briten:  Auf der Insel lässt sich besichtigen, wie ein dezentralisierter Arbeitsmarkt in der Praxis funktioniert
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AP

Gelehrige Briten: Auf der Insel lässt sich besichtigen, wie ein dezentralisierter Arbeitsmarkt in der Praxis funktioniert

Die Kehrseite: Die Geschäftsführer müssen für Personalfragen eine Menge Zeit und Mühe aufwenden. Sie müssen wissen, was die Arbeitgeber im ganzen Land und in der Region ihren Leuten zahlen, wie sich die Lebenshaltungskosten, die Zinsen, der Außenwert des Pfunds, die Konjunkturindikatoren entwickeln.

"Viel Aufwand, aber es lohnt sich", sagt Peter Weller, Chef von Castle Cement in Birmingham, der britischen Tochter des deutschen Marktführers HeidelbergCement Chart zeigen. Mit 1250 Beschäftigten an vier Standorten ist Castle zu groß, um mit jedem einzelnen Mitarbeiter einen gesonderten Vertrag abzuschließen. Deshalb verhandelt Weller firmenweit: einen Haustarif für die Leute in der Produktion, einen für die Fahrer und einen für die Büroangestellten.

Bei der größten Verhandlungsrunde über die Arbeiter in der Produktion sitzen mehr als ein Dutzend Leute zusammen - zwei Betriebsräte von jedem Castle-Standort, sechs Leute aus der Geschäftsführung, aus London reisen Vertreter von drei (miteinander konkurrierenden) Gewerkschaften an. Ein komplexes Unterfangen. "Als ich die Verhandlungen 1996 erstmals leitete, mussten wir uns binnen eines Jahres viermal treffen", sagt Weller. Es sei unendlich schwer gewesen, auf einen Nenner zu kommen.

Heute genüge ein einziges Treffen - es sei ein Vertrauensverhältnis gewachsen. Außerdem hat Weller seine Strategie angepasst. Sein Credo: "Kenne die Zahlen. Sei dir über deine Ziele im Klaren. Behandele die Leute fair - und das heißt: Versuche nicht, so wenig wie möglich zu zahlen." Dann könne eigentlich nichts schief gehen.

Hohe Abschlüsse in guten Zeiten - haben deutsche Arbeitgebervertreter davor nicht immer gewarnt? Vor einem "Aufschaukeln der Lohnforderungen", wenn der Schutz des Flächentarifs erst einmal weg ist? Peter Weller findet dieses Argument fast unmoralisch: "Wenn Arbeit knapp ist, dann ist es doch das gute Recht der Leute, dass ihre Löhne steigen. Es ist die natürlichste Sache der Welt."

Marktwirtschaft - zu Ende gedacht.

Der deutsch-britische Unternehmer Clemens Richter jedenfalls ist ganz zufrieden, dass er auf der Insel wirtschaftet. Voriges Jahr hat er mal überlegt, ob er noch einen Betrieb in den neuen Bundesländern aufziehen sollte. Verlockend, all die Subventionen. Doch dann schickte die IG Metall ihre Truppen in den Streik um die 35-Stunden-Woche. "Das zeigt die Mentalität", knurrt Richter. Wie gesagt, irgendwie erinnert ihn Deutschland derzeit an England vor Maggie Thatcher.

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