Von Henrik Müller
Seltsam, wie die Welt sich entwickelt hat, wirklich seltsam. Clemens Richter blickt nachdenklich aus dem Fenster, draußen stauen sich die Autos im feierabendlichen London. "Für mich ist es immer noch unfassbar, dass jetzt die Deutschen nach England reisen, um hier etwas zu lernen."
Häuserkampf
Völlig schutzlos? Viele deutsche Arbeitgeber fürchten sich vor britischen Verhältnissen. Ohne Flächentarifvertrag, so das Argument, drohe ein Häuserkampf - Betrieb um Betrieb. Mögliches Ergebnis: ein "Aufschaukeln der Löhne".
Motivation: In der Praxis habe das britische System große Vorteile, meint Clemens Richter. Mit jedem einzelnen Beschäftigten verhandelt er persönlich. Er sagt: "Die Leute erleben, dass sich Leistung lohnt."
Er schüttelt den Kopf. Er ist schon so lange weg. Was ist bloß in der Zwischenzeit in der Heimat passiert? Verkehrte Welt.
Mittlerweile müht sich Deutschland, britischer zu werden. Flexibler, mobiler, auch härter. Ein bisschen zumindest. Grundpfeiler des deutschen Modells bröckeln - der umfassende Versicherungsstaat ("Hartz IV"), die Sozialpartnerschaft, der Flächentarifvertrag.
Es ist etwas in Bewegung geraten in der Bundesrepublik. Keine Revolution von oben, Thatcher-Style. Eher ein quälend langsames Auflockern alter Blockaden, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt.
Siemens
, Mercedes
, Volkswagen
sind prominente Exempel, die zeigen, wie der verschärfte Standortwettbewerb betriebsspezifische Lösungen erzwingt.
Allmählich verwittert der Flächentarif, der branchenweite Standards für Lohn, Gehalt und Arbeitszeit setzt. Seit 1990 ist die Reichweite der Kollektivvereinbarungen deutlich kürzer geworden: Früher orientierten sich mehr als 80 Prozent aller Arbeitsverträge daran, heute sind es 68 Prozent. Deutschland, analysiert die OECD, könne ein grundlegender "Modellwechsel" bevorstehen.
© manager magazin 10/2004
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