Von Wolfgang Hirn
Chinesische Erpressung
Know-how: Warum der Westen liefern muss
Ort des etwas konspirativen Treffens ist das deutsche Restaurant "Schindlers Tankstelle" in Peking. Der Gesprächspartner, langjähriger Vertreter eines deutschen Konzerns in China, wird nach einer Flasche Rotwein gesprächig und sehr deutlich. "Was hier abgeht, ist eine der größten Räubereien der Menschheit", sagt er.
Das sind starke Worte. Aber der Mann ist seit 25 Jahren im China-Geschäft. Er weiß sehr wohl, wovon er spricht. Er saß mit in den Verhandlungen, als die chinesische Seite immer wieder Know-how von den deutschen Unternehmen, denen er diente, forderte. Nur wenn sie dies lieferten, sollten sie Aufträge bekommen. "Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten unser Know-how transferieren", sagt der Gesprächspartner in "Schindlers Tankstelle".
Know-how gegen Marktzugang - so lautet auch heute noch die Formel der Chinesen. Vor allem der Staatsrat, das Pendant zu unserer Regierung, übt seit ein paar Jahren gewaltigen Druck auf ausländische Konzerne aus. Wer aus dem Westen in China Geschäfte machen wolle, solle gefälligst sein Wissen hier einbringen - so sein Petitum. "Die Chinesen nennen das: Technologie für Marktzugang", sagt Delbert Williamson, globaler Vertriebschef des US-Multis General Electric
(GE).
So kommen inzwischen fast alle Konzerne dieser Welt nach China, bauen hier ihre Forschungs- und Entwicklungszentren, erstellen schicke Designstudios und riesige Ausbildungszentren.
Rund 400 der 500 weltgrößten Unternehmen haben in China bereits F&E-Zentren. Alles, was Rang und Namen in der industrialisierten Welt hat, ist bereitwillig vor Ort. Ob Auto-, Elektronik-, Pharma- oder Telekommunikationsfirmen - sie alle haben sich "erpressen" lassen.
Ein paar Beispiele: Motorola
unterhält 19 Technologie-Center in China, was das Telekom-Unternehmen bislang 300 Millionen Dollar gekostet hat. Die Konkurrenten Ericsson
, Nokia
und Siemens
haben große Trainingszentren, wo sie - kostenlos, versteht sich - tausende ihrer Kunden schulen.
Microsoft
unterstützt mit Millionenbeträgen Professoren und Universitäten. IBM
unterrichtet 100.000 Softwarespezialisten in der vagen Hoffnung, dass sie ihre Hardware - sprich: Computer - kaufen.
Autohersteller General Motors
unterhält seit 1997 in Shanghai das Patac, Pan Asia Technical Automotive Center. Dort entwickelt, designed und prüft GM seine Autos. Alle Geräte sind vom Feinsten, bessere stehen auch im Mutterhaus in Detroit nicht. Gerade hat GM beschlossen, das Patac nochmals für rund 200 Millionen Euro aufzurüsten. Zugang zum Patac hat natürlich auch Joint-Venture-Partner Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC).
Als der französische Telekommunikationskonzern Alcatel sein sechstes Forschungszentrum in Shanghai einweihte, sagte deren Technikvorstand Niel Ransom in eher freudigem Ton: "Durch dieses Zentrum bekommt China Zugang zu der allerneuesten Telekommunikationstechnologie."
So rüstet man seine Konkurrenten von morgen auf.