Von Sören Jensen und Steffen Klusmann
VII. Die Skandale der Ottos
Was derzeit die ganze Familie zusammenschweißt, ist der Rosenkrieg, den Spross Alexander durchleidet. Die Klage von Gattin Carrie - die beiden haben sich in Harvard kennen gelernt - halten alle für überzogen.
Amerikanische Plage: Katalog des insolventen US-Versenders Spiegel Inc.
Der Versandhändler, der den Ottos zu 89 Prozent gehört, fiel der ungebremsten Wachstumsgier seiner Manager zum Opfer. Um den Absatz zu pushen, streute die angeschlossene First Consumers National Bank Ende der 90er Jahre massenweise Kreditkarten unters Volk - ohne die Bonität der Klientel genau zu prüfen. Kunden, die anderswo keinen Kredit mehr bekamen, prassten und konnten danach ihre Raten nicht bezahlen. Die Gruppe geriet ins Wanken.
Als Michael Otto von der Schieflage erfuhr, soll er seinen Mitaktionären wichtige Informationen vorenthalten haben. Aus Sorge, wie er den Ermittlern später gestand, dass die Bekanntgabe der Liquiditätsprobleme Spiegel in die Insolvenz getrieben hätte. Er habe Zeit für einen Rettungsplan gewinnen wollen.
Monatelang verhandelte er mit den Gläubigerbanken, um Spiegel als Ganzes zu erhalten. Er bot ihnen an, 65 Prozent ihrer Forderungen in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar in bar abzulösen. "Ein wirklich gutes Angebot", urteilt ein mit der Materie vertrauter Investmentbanker.
Staatsmacht: Das Siegel der US-Börsenaufsicht SEC
Michael Otto, kritisiert ein Weggefährte, sei mittlerweile zu sehr getrieben vom Drang nach Größe. Dieser "Schuss Großmannssucht" habe sich in Amerika gerächt, er habe die Gefahr unterschätzt. Dazu mag auch seine hohe Arbeitsbelastung beigetragen haben. Neben seinem ohnehin stressigen Job hat sich der Konzernlenker eine Fülle von Ehrenämtern aufgeladen, die er enorm ernst nimmt: Außer beim WWF und seiner Stiftung engagiert er sich in diversen Kuratorien, sitzt im Präsidium der Hamburger Handelskammer und war sogar Olympiabeauftragter der Wirtschaft in der Hansestadt.
Michael Otto habe ein "starkes Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung", sagt einer seiner Bekannten, "und es gibt keinen, der ihm sagt, wenn er sich verzettelt".
Vielleicht tut das ja bald sein Sohn Benjamin. Der 28-Jährige bereitet sich auf große Aufgaben vor. Nach einer Banklehre und einem Studium an der European Business School in London gründete er in Berlin die Firma Intelligent House Solutions. Das Unternehmen entwirft Behausungen, die von unsichtbarer Technik gesteuert werden. "Für mich ist es extrem wichtig, etwas Eigenes zu machen", sagt er.
Aber nicht mehr allzu lange. Vater Michael möchte, dass Benjamin schon bald in den Konzern einsteigt. Ab 2005 erhält die Gruppe eine neue Führungsstruktur. Einem verkleinerten Holdingvorstand wird eine operative Geschäftsführung unterstellt. Das wäre ein Anlass für den Einstieg Benjamins. "Für unsere Familie ist dieses Unternehmen Freude und Pflicht zugleich", sagt Michael Otto.
Zur Zeit wohl mehr Pflicht.