Von Henrik Müller
Rückkehr zu alten Tugenden?
Immerhin: Ganz allmählich scheint ins Bewusstsein zu sickern, dass der Rückzug aus der Arbeitswelt den Wohlstand gefährdet.
Bei den Umfragen des BAT-Instituts steigt erstmals seit Jahrzehnten die Zahl derjenigen, die wieder bereit sind, mehr zu arbeiten - auch wenn sie noch eine verschwindend kleine Minderheit sind.
Eine "stärkere Leistungsorientierung, gerade bei Jungakademikern", ortet Gerd Gerdes, Personalchef von Airbus in Bremen. In den vergangenen drei Jahren, Spätfolge der New Economy, habe sich das Klima gewandelt: "Gelegentlich herrscht eine anregende und engagierte Atmosphäre, wie bei 'Jugend forscht'."
Post-Chef Klaus Zumwinkel lässt mehr arbeiten. Vor wenigen Wochen vereinbarte er mit der Gewerkschaft Verdi: Die Postler müssen künftig auf zwei Feiertage, den 24. und den 31. Dezember, verzichten; die 38,5-Stunden-Woche wird beibehalten; und wer möchte, kann seine Arbeitszeit individuell auf 48 Stunden pro Woche erhöhen - bei entsprechendem Mehrverdienst.
Mit der zusätzlichen Arbeitsleistung will Zumwinkel die Post wachsen lassen. Der Umsatz soll steigen, neue Geschäftsfelder sollen erschlossen werden. "Es ist meine tiefste Überzeugung", sagt Zumwinkel, "dass ein Unternehmen, eine Branche oder eine Volkswirtschaft nur vorankommt, wenn mehr gearbeitet wird."
Die Dortmunder Harpen AG, eine rasch wachsende RWE-Tochter, will ab 2004 die Wochenarbeitszeit von 38 auf 39 Stunden ausdehnen - und dafür den Beschäftigten den Lohn um 3,9 Prozent erhöhen. Bei den Kollegen sei das Ansinnen der Geschäftsführung durchaus willkommen, sagt der Betriebsratsvorsitzende Uwe Sypllie: "Die Abgabenbelastung steigt, und wenn man sieht, was alles noch kommen könnte - da möchten viele Kollegen lieber mehr arbeiten und verdienen."
Allmählich scheint sich etwas zu ändern im Land. Ein bisschen zumindest. Late-Night-Star Harald Schmidt sendet jetzt an fünf statt vier Abenden pro Woche ("aus Liebe zu Deutschland"). In den neuen Ländern scheiterte der Metaller-Streik für die 35-Stunden-Woche, weil die Belegschaften nicht mitzogen.
Ist das die Trendwende? Die Rückkehr zu alten Tugenden? Das Aufbäumen im "Land der begrenzten Unmöglichkeiten", wie die Popgruppe "Wir sind Helden" höhnt? Möglich. Wir müssen nur wollen.
Die Wohlstandstreiber
Analyse: Was Volkswirtschaften gedeihen lässt
Drei Faktoren bestimmen, wie schnell eine Wirtschaft auf Dauer expandieren kann: wie viel gearbeitet wird, wie viel Kapital investiert wird und wie produktiv Arbeit und Kapital eingesetzt werden (technischer Fortschritt).
Die Grafik zeigt, in welchem Ausmaß diese drei Faktoren jeweils das "Potenzialwachstum" bestimmt haben - wie viele Prozentpunkte sie also zum Wachstum des Produktionspotenzials beigetragen haben.
In Deutschland trägt der Arbeitseinsatz (graue Kurve) seit zehn Jahren kaum noch zum Wachstum bei. Parallel schrumpfte der Produktivitätszuwachs (blau), schließlich auch der Zuwachs an Investitionen (schwarz). Ein Teufelskreis.
Im gleichen Zeitraum trieb in der EU insgesamt ein ansehnlicher Beschäftigungsaufbau das Wachstum an. In den USA sorgte ein Investitions- und Produktivitätsschub für Dynamik.