Von Steffen Klusmann und Petra Schlitt
Diese Erkenntnis haben die Albrechts offenbar ebenfalls gewonnen. Aldi-Filialleiter pilgern bei Betriebsausflügen schon mal nach Portugal, um Lidls Errungenschaften vor Ort zu besichtigen.
Vor allem Frankreich ist für Schwarz die reinste Geldmaschine. Wie hier zu Lande hat er auch dort fast ausschließlich "schnell drehende" Produkte in den Regalen, die meist schon vier Tage nach der Bestellung verkauft sind. Die Lieferanten erhalten ihr Geld erst nach 30 Tagen, Lidl kann den Erlös also 26 Tage lang Gewinn bringend anlegen.
| Benchmark Aldi Süd | |||
|---|---|---|---|
| Wichtige Kennzahlen der Discount-Rivalen in Deutschland | |||
| Deutschland | Aldi Nord | Aldi Süd | Lidl |
| Umsatz | 12,5 Mrd. Euro | 12,6 Mrd. Euro | 9,5 Mrd. Euro |
| Rendite vor Steuern | 3,6% | 5% | rd. 3,5% |
| Filialen | 2366 | 1425 | 2305 |
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Durschnitts- umsatz pro Filiale |
5,2 Mio. Euro | 8,8 Mio. Euro | 4,3 Mio. Euro |
| Schulden | keine | keine | geschätzt 9 Mrd. Euro, jeweils die Hälfte für Investitionen und Immobilien |
| Sortiment | ca. 700 | ca. 600 | rd. 1200 |
| Filialen in Eigenbesitz | 60-65% | 80-85% | ca. 50% |
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Käufer- reichweite |
85% | 85% | rd. 75% |
| Quelle: M+M Retail Planet, "Lebensmittelzeitung", mm-Recherche, geschätzt | |||
Weil das Preisniveau in Frankreich höher ist, bleibt auch mehr Gewinn hängen. Mindestens 160 Millionen Euro, so Schätzungen, verdient Schwarz allein mit seinen 1050 französischen Filialen. Geld, mit dem er seine Jagd auf Aldi zu Hause quersubventionieren kann.
Wie lange hält Dieter Schwarz das Wachstumstempo noch durch? Gelingt es dem Emporkömmling am Ende tatsächlich, die Discountkönige aus Essen und Mülheim vom Thron zu stoßen?
Brancheninsider halten ein solches Szenario langfristig durchaus für möglich - bei allen Risiken, die eine derart stürmische Expansion mit sich bringt. Schließlich, so argumentieren sie, glaube Dieter Schwarz, so etwas wie den Heiligen Gral für die Zukunft des Lebensmittelhandels gefunden zu haben.
Mit Geschäften in bester Lage will er sich flächendeckend als Nahversorger Nummer eins etablieren: Wer viel Auswahl wünscht, geht dann in die Kaufland-Filialen; wer allein auf den Preis achtet, geht zu Lidl.
An der Vision der modernen Billig-Tante-Emma richtet Schwarz seine gesamte Expansion aus - koste es, was es wolle. Die Warnungen von Experten, die für konjunkturell bessere Zeiten eine Abkehr vom Discounter hin zum gut sortierten Supermarkt vorhersagen, lassen ihn unbeeindruckt.
Um an den besten Standort zu kommen, zahlt er notfalls den dreifachen Marktpreis, wie in München-Haidhausen. Und anders als Aldi greift Lidl auch bei Innenstadtlagen zu. So wie in der Stiftstraße 8 in Frankfurt, nur wenige Schritte von der Einkaufsmeile Zeil entfernt. Aldi gab den Laden auf und zog an den Stadtrand. Nun lockt Lidl dort die Massen an.
In Osteuropa hat Schwarz jüngst sogar einem Autohaus das Grundstück abgekauft, das gerade errichtete Gebäude abgerissen und 200 Meter weiter erneut aufgebaut. Und das nur, um seinen Lidl-Markt an der richtigen Stelle platzieren zu können.
Der Wachstumsrausch hat die Stimmung unter den Lidl-Strategen kräftig gehoben. Mittlerweile, sagt ein Unternehmenskenner, grenze das Selbstbewusststein der Neckarsulmer "fast an Überheblichkeit".
Aldi-Süd-Patriarch Karl Albrecht macht sich dennoch langsam Sorgen, der aggressive Alemanne könne ihm gefährlich werden. Als der 83-Jährige im Frühjahr auf einer privaten Geburtstagsfeier mit Managern aus seiner Branche zusammentraf, warnte er die Gäste eindringlich: "Dass Lidl billiger ist als wir, dürfen wir unter keinen Umständen zulassen."