Von Steffen Klusmann und Petra Schlitt
Das Gelöbnis bestand aus einem leise vorgetragenen kurzen Satz: Ja, er habe seine Lebensmittel unter Einstandspreis verkauft, gestand Karl Albrecht vor den Teilnehmern der hochkarätigen Runde ein. Aber er verpflichte sich, dies künftig zu unterlassen. Einige Sekunden lang herrschte Totenstille in dem Raum.
Der Herr über Aldi Süd hatte gesprochen. Und wenn ein Albrecht spricht, meint er nicht nur sich allein, sondern die gesamte Branche.
Gemeinsam mit Topmanagern aus Handel und Industrie hatte sich die Krämerlegende im Oktober 1983 in Berlin eingefunden, um die existenzbedrohenden Rabattschlachten im deutschen Einzelhandel endlich zu beenden. Das Treffen unter Leitung des damaligen Kartellamtschefs Wolfgang Kartte war die letzte Chance, ein gesetzliches Eingreifen des Staates zu verhindern.
Von Albrechts Vorstoß musste sich vor allem ein Teilnehmer brüskiert fühlen: der Neckarsulmer Einzelhändler Dieter Schwarz, ein direkter Aldi-Konkurrent. Der Inhaber des besonders preisaggressiven Discounters Lidl hatte am Abend zuvor bei Buletten und Bier noch einmal klar gemacht, dass eine Absprache für ihn nicht infrage komme: "Das muss der Markt regeln", ließ er die Handelsfürsten wissen.
Das Gelöbnis von Karl Albrecht hat Dieter Schwarz bis heute nicht vergessen. Und nicht verziehen. Seit dem denkwürdigen Treffen in Berlin hat der Lidl & Schwarz-Gründer nur ein Ziel: sich für die Sippenhaft zu revanchieren. Einer, der ihn gut kennt, sagt, der Alemanne sei wie besessen von der Idee, Aldi zu überholen.
Ein Fall von Größenwahn? Über Jahre hinweg galt Lidl als die kleinere Ausgabe des Kult-Discounters. Schwarz hat das große Vorbild kopiert, wo er konnte.
Doch inzwischen ist aus dem Störenfried ein ernst zu nehmender Gegner für die Aldi-Brüder geworden. Mit innovativen Konzepten und bisweilen rüden Geschäftsmethoden hat sich der Krämer aus dem Süden auf Platz zwei der deutschen Discount-Rangliste vorgearbeitet: Das Schwarz-Imperium betreibt heute mehr als 5600 Läden und beschäftigt rund 80.000 Mitarbeiter.
Zu konkreten Bilanzzahlen gibt der Aufsteiger noch weniger Auskunft als die Albrechts. Nach den jüngst überarbeiteten Schätzungen der Marktforscher von M+M Eurodata liegt der Erlös der Schwarz-Gruppe bei rund 30 Milliarden Euro; davon steuert die Discountsparte etwa 20 Milliarden Euro bei.