Von Henrik Müller, Holger Rust und Jörg Schmitt
Fließende Moralwerte der Ego-Gesellschaft
Das gesellschaftliche Umfeld, in dem Unternehmen heute agieren, ist ziemlich rau. "Rationaler, aber auch kälter" sei das Klima in den vergangenen zwei Jahrzehnten geworden, so die "Dialoge"-Studie des Verlags Gruner + Jahr, die größte deutsche Langfriststudie zum Thema. Solidarische Werte und Verhaltensweisen haben an Bedeutung verloren, soziales Verantwortungsbewusst sein weicht zunehmend einem individuellen Vorteilsdenken.
Verschleiert: Roland Ernst war einer der größten Baulöwen der Republik. Im Mai stand Ernst vor Gericht, weil er mit Hilfe von Scheinrechnungen 2,5 Millionen Euro kassiert und mit dem Geld zwei Bahn-Manager bestochen haben soll. Immer mehr Unternehmer enden wegen unsauberer Geschäftspraktiken vor dem Kadi.
Eine ausgeprägte Ich-Bezogenheit hat Helmut Klages, Professor in Speyer und einer der renommiertesten wissenschaftlichen Trendforscher Deutschlands, geortet. Wer nur noch sich selbst vertraut, mag sich nicht mehr auf andere verlassen: "Die Gesellschaft im Ganzen beginnt sich als eine Egoistengesellschaft zu verachten, wie man feststellen kann, wenn man die Menschen fragt, was sie von 'den anderen' halten." Nämlich herzlich wenig.
Weil das alle umfassende Gemeinschaftsgefühl schwindet, zerfasern die Wertvorstellungen. Es gibt keinen festen Kanon mehr, was "man" tut und lässt. Moral im beginnenden 21. Jahrhundert - das ist ein fließender Maßstab. Im Zweifel gewinnt die wirtschaftliche Opportunität.
So erklärt sich der Widerspruch, dass Manager ständig die "Kundenorientierung" beschwören; dass sie aber, wenn sich die Gelegenheit bietet, nur zu gern Kartellabsprachen treffen - sich also mit Wettbewerbern gegen die Abnehmer verbünden.
Früher, sagt Georg de Bronett, der Chef des Brüsseler Kartellfahnderteams, habe schlicht das Unrechtsbewusstsein gefehlt. "Jetzt wissen die sehr genau, dass ihr Handeln verboten und verwerflich ist. Aber sie machen es trotzdem. Sie gehen das Risiko bewusst ein." Gerade in der jetzigen konjunkturellen Schwächephase wachse die Versuchung, via Kartellvereinbarungen die Erträge zu stabilisieren.
Traditionsreiche deutsche Großunternehmen wie BASF, Commerzbank und Dresdner Bank oder der Hoechst-Ableger SGL Carbon wurden vergangenes Jahr von der EU-Kommission wegen Preisabsprachen zu hohen Geldbußen verurteilt. In der Regel ziehen die Betroffenen vor Gericht - von Reue ist nicht viel zu sehen.
Auch Korruptionsfälle zeigen, wie die Opportunität über die Moral siegt. Zum Beispiel bei ABB: Einen satten zweistelligen Millionenbetrag soll der Anlagenbauer in den 90er Jahren an so genannten Provisionen und Nützlichen Aufwendungen (NA) für Türöffner im In- und Ausland ausgegeben haben - mutmaßlich großteils gut getarnte Schmiergelder. "Beatmen" hieß das im ABB-Jargon. Die Zahlungen wurden weitgehend von höchster Stelle angewiesen. So unterzeichnete der damalige ABB-Europa-Chef Eberhard von Koerber zwischen 1995 und 1997 eigenhändig sieben "Provisionszahlungen" über jeweils 125.000 Schweizer Franken, die auf das Schweizer Konto einer dubiosen Briefkastenfirma flossen.
Gefälscht: Umfragen zeigen: Die Bürger verlieren das Vertrauen in die Institutionen. Auf die öffentliche Verwaltung in Deutschland ist nur noch bedingt Verlass. So wurden unter Bernhard Jagodas Ägide bei der Bundesanstalt für Arbeit Vermittlungsstatistiken gefälscht. Wie in einer Bananenrepublik: Der Staat verspielt seine Glaubwürdigkeit.
Gier, Werteverfall, Korruption - stehen wir nun, nach dem Hyper-Kapitalismus der vergangenen Jahre, vor dem Offenbarungseid der Wettbewerbsgesellschaft?
Geht die Marktwirtschaft an sich selbst zu Grunde, weil sie die schlechtesten Seiten des Menschen offen legt?
Mündet der globale Wettbewerb gar in jenen "Krieg aller gegen alle", den einst der britische Philosoph Thomas Hobbes als wolfsgesetzlichen Naturzustand der Menschheit beschrieb?
Wie geht es weiter? Was tun?
Thomas Hobbes' Antwort war klar: Die Gesellschaft lasse sich nur befrieden, wenn einerseits ein gerechter Staat den Kampf aller gegen alle unterbinde und wenn andererseits die Bürger von "Tugenden" wie "Gerechtigkeit" und "Sittlichkeit" geleitet würden - von "gemäßigten Leidenschaften", wie Hobbes formulierte.
Gerade diese gemäßigten Leidenschaften machen die Marktwirtschaft zu einem so erfolgreichen System: Gier, zu Gewinnstreben domestiziert, ist ein höchst produktiver Antrieb. Solange die Bürger freiwillig und vernünftig auf Exzesse verzichten, entfalten sie ihre Fähigkeiten zum allgemeinen Nutzen.
Erst wenn die Schranken der Mäßigung fallen - wie im Boom der vergangenen Jahre -, gefährden die Leidenschaften ganze Unternehmen (Enron) oder ganze Systeme (Neuer Markt) in ihrer Existenz.