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13.06.2002
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Lycos Europe

Mohns Hundejahre

Von Christian Rickens

4. Teil: Zu schnell gewachsen, zu spät gespart

Ende November 2001 wurde Aufsichtsratschef Kundrun durch Jürgen Richter abgelöst. Der 60-jährige ehemalige Chef des Axel Springer Verlags leitet im Hauptberuf die Fachverlagssparte von Bertelsmann (siehe: "Die Geheimwaffe"). Auf Grund seines Alters gilt er als jeglicher Karriereambitionen unverdächtig. Deshalb, so Richter über sich selbst, könne er Wahrheiten aussprechen, die andere nicht einmal zu denken wagten.

Kaum war Richter angetreten, gerieten bei Lycos die Dinge in Bewegung. Nach ersten Kündigungen im September 2001 musste der sanfte Mohn nun noch einmal 200 Leute entlassen. Aus fünf europäischen Ländern (Portugal, Schweiz, Belgien, Finnland und Österreich) hat sich Lycos Europe bereits zurückgezogen. Auch das teure Lycos-Portal in Russland steht auf der Kippe (siehe: "Rückzugspläne").

Dass über 40 Lycos-Einzelgesellschaften zu viel sind, erkennt auch Mohn: "Die Hälfte wäre eine gute Zahl." Gleichfalls soll nun die technische Integration vorangetrieben werden. Bislang leistet sich Lycos europaweit ein Dutzend Rechenzentren, die allesamt mit unterschiedlichen Computersystemen arbeiten. Mohn will und muss schon bald mit der Hälfte auskommen.

Fast scheint es so, als habe der alte Richter den jungen Mohn wachgerüttelt. Doch hat Mohn den Konsolidierungskurs noch rechtzeitig genug eingeschlagen, um das Unternehmen in die Gewinnzone zu führen? Mehr noch: Stimmt überhaupt das Konzept von Lycos Europe?

Der Markt für Online-Werbung liegt danieder. Attraktive Inhalte, für die sich vom Nutzer Geld verlangen ließe, besitzt Lycos nicht. Das Portal offeriert eine Vielzahl von Dienstleistungen, die sich auch bei anderen Anbietern in ähnlicher Qualität finden lassen: Eine Suchfunktion gibt es bei Google, Kommunikationsdienste bei Web.de Chart zeigen und aktuelle Nachrichten bei T-Online.

Dennoch zeigt sich Mohn optimistisch. Die schwachen Werbeeinnahmen will er durch E-Commerce, also Provisionserlöse aus dem Verkauf von Produkten über seine Website kompensieren. Bis Ende 2002 hofft Mohn den Break-even zu schaffen. Ein ehrgeiziges Ziel angesichts der Tatsache, dass die Verluste bei Lycos Ende 2001 fast ebenso hoch lagen wie die Umsätze.

Selbst wenn Mohn sein Ziel dank drastisch gesenkter Kosten erreicht: Können schwarze Zahlen bei einem seit einem Jahr praktisch stagnierenden Umsatzniveau das alleinige Ziel eines Unternehmens sein, das an der Börse über eine halbe Milliarde Euro eingesammelt hat?

Sicherlich nicht. Auf eine angemessene Verzinsung ihres eingesetzten Kapitals sollten die Lycos-Aktionäre vorerst nicht setzen, räumt Mohn ein: "Im privaten Rundfunk hat es schließlich auch 15 Jahre gedauert, bis anständige Renditen erwirtschaftet wurden."

15 Jahre - eine ernüchternd lange Zeitspanne. Letztlich ergeht es Mohn also nicht anders als unzähligen Dotcom-Unternehmern: zu großspurig gestartet, zu schnell gewachsen, zu schlecht integriert, zu spät gespart, zu hart gelandet. Fast mutet es beruhigend an, dass Christoph Mohn weder durch die geballte Erfahrung des Bertelsmann-Konzerns noch durch das Bescheidenheits-Dogma seiner Familie vor dieser Erfahrung bewahrt werden konnte.

Milliardärskinder sind halt auch nur Menschen.


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